Manchmal braucht man eine Pause

13.7.2026 – Vom stillen Innehalten zur Erkenntnis zur Lösung: Ein Rhythmuswechsel bringt Chancen – und ein „disruptives Element“ ist aus mathematischer Perspektive auch wesentlich reichhaltiger als eine gleichförmige Schwingung, sagt Versicherungsmathematiker Christoph Krischanitz und meint: Nutzen wir die Pause zum Analysieren, um umso kräftiger neu durchzustarten.

Christoph Krischanitz (Bild: Krischanitz)
Der Autor: Versicherungsmathematiker
Christoph Krischanitz (Bild: Krischanitz)

Pausen verstärken die pausierte Aktivität.

Sprechtrainer werden bestätigen, dass Sprechpausen die Aufmerksamkeit erhöhen. Komponisten setzen in ihren Musikstücken ganz bewusst die Wirkung von Pausen ein. Kraftsportler wechseln zwischen Belastung und Entlastung, und Triathleten nutzen Intervalltraining, um ihre Ausdauer und Schnelligkeit zu steigern.

Pausen definieren den Rhythmus.

Rhythmus ist notwendig, um im Takt zu gehen, um Menschen, Prozesse und Aktivitäten synchronisieren zu können. Ein wenig attraktives, aber extrem kraftvolles Bild ist eine im Gleichschritt marschierende Armee. Das schönere Bild ist ein Sechser beim Rudern. Durch gleichmäßigen synchronisierten Armzug verstärkt sich die Kraft, im Idealfall kommt man in den Zustand der Eigenschwingung.

Unternehmen im Einklang

Das möchte man als Unternehmer auch erreichen.

Marketing, Vertrieb, Produktion, Entwicklung, IT … Sie alle sollen im Gleichklang schwingen. Ein harmonisches Miteinander schaukelt sich zum Höhepunkt.

Und dann passiert etwas. Eine Naturkatastrophe. Eine plötzliche Zolldrohung. Eine Pandemie. Oder einfach nur eine unvorhersehbare Fußball-WM.

Unser System kommt aus dem Takt. Was sich vorher gegenseitig verstärkt hat, löscht sich nun gegenseitig aus. Phasenverschiebung, ausgelöst durch Veränderung.

In der Musik, in der Literatur, beim Sprechen sagen wir „wow“. Rhythmuswechsel erzeugt Spannung, Aufmerksamkeit, plötzlich kommt der Held in Bedrängnis, eine flashige Anzeige nimmt uns voll in Beschlag. Die Werbung nutzt das, und unser Lieblingsspielzeug mit dem lieben, netten Social Media drauf nutzt das gnadenlos aus.

Bitte keinen „Change“ bei der Arbeit …

Wir lieben Rhythmuswechsel, aber bitte nicht in unserer Arbeit. Da wollen wir keinen Change, lass doch bitte alles so, wie es immer war. Und die Automatisierungen sind darauf ausgerichtet, dass die Abläufe sich auch nicht verändern.

Rhythmus erzeugt Stabilität, Rhythmuswechsel erzeugen Spannung, Gewinn und Risiko.

Dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883–1946) wird oft die sinngemäße Aussage zugeschrieben: „Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung.“

Rhythmuswechsel: Pause – Erkenntnis – Lösung

Mit dem Rhythmuswechsel einher geht die Pause. Ein Zustand der Stille. Ein Zustand, der Erkenntnis bringt und kreative Lösung. Wie beim Kraftsportler, der sein Trainingssystem umstellt, um neue Reize für den Körper zu setzen. Die Muskeln brauchen Pause, um sich adaptieren zu können.

Adaption ist die große Stärke des Menschen. Aber irgendwie drückt er sich davor. „Bitte nicht bei mir.“

Hier eine Begründung zu finden, warum die deutschsprachige Wirtschaft mit der amerikanischen Wirtschaft nicht mithalten kann, wäre zu billig. Aber nun steht es ja schon da …

Reichhaltige Disruption

Mathematisch gesehen, ist so ein disruptives Element wesentlich reichhaltiger als eine gleichförmige Schwingung.

Die nach dem französischen Mathematiker Baron Jean Baptiste Joseph Fourier (1768 – 1830) benannte Fourier-Zerlegung spaltet Funktionen in ein Bouquet an Schwingungen auf. Jede Funktion lässt sich nämlich durch Schwingungen approximieren.

Die normale Sinusfunktion ist dabei sehr brav. Sie schwingt brav und stabil vor sich hin und nichts Besonderes passiert. Mathematische Langeweile – gähn.

Eine Funktion, die jedoch plötzlich Sprünge aufweist, ist wesentlich diffiziler im Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Schwingungen. Ein reicher Blumenstrauß aus Sinusfunktionen unterschiedlicher Frequenzen und Phasen.

Rhythmuswechsel: Pause – Erkenntnis – Lösung

Rhythmuswechsel bereichert das Leben. Rhythmuswechsel bringt Chancen.

Rhythmuswechsel müssen genutzt werden. Durch eine kräftigende Pause. Ein Moment des Innhaltens und stillen Analysierens. Um dann umso wuchtiger in der neuen Situation durchzustarten.

Das ist die Aufgabe des Risikomanagements. Nicht der Stillstand, der sich in der wirtschaftlichen Einöde verliert, bis er verdurstet.

Nutzen wir die Pause. Legen wir uns in die Badewanne, beobachten den Auftrieb und rufen wir „Eureka!“ Wir wären nicht die ersten.

Christoph Krischanitz

Der Autor ist Versicherungsmathematiker (profi-aktuar.at) und verfügt über langjährige Erfahrung in der aktuariellen Beratung. Krischanitz war von 2004 bis 2019 Vorsitzender des Mathematisch-Statistischen Komitees im Versicherungsverband (VVO), von 2008 bis 2014 Präsident der Aktuarvereinigung Österreichs (AVÖ). Derzeit ist er unter anderem Chairman der Arbeitsgruppe Non-Life Insurance in der Actuarial Association of Europe (AAE).

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