24.9.2026 – Hohe Solvabilitätsquoten von Versicherern werden oft als Erfolg gewertet, doch sie nützen weder dem Kunden noch dem Unternehmen. Einzig das Sicherheitsbedürfnis der Aufsicht werde damit befriedigt. Aktuar Christoph Krischanitz wünscht sich einen effizienteren Einsatz des Kapitals. Ziel müsse es sein, wieder in Richtung 100 Prozent zu kommen.

In einem Webinar zum Thema „Kapitalmanagement in der Finanzindustrie“ beschäftigte sich Aktuar Christoph Krischanitz schwerpunktmäßig mit Versicherungen und dem Verhältnis zwischen Kapitalmanagement und Solvency.
Österreich habe im Durchschnitt eine der höchsten Solvenzquoten im gesamten europäischen Raum. Was auf den ersten Blick nach einer Erfolgsstory aussieht, sei in Wirklichkeit ein Desaster für die heimische Wirtschaft, so Krischanitz. Geld werde gebunkert statt in wirtschaftliche Aktivität gesteckt.
In der Praxis sei zu beobachten, dass Kapitalmanagement und Solvency stark miteinander verknüpft werden, obwohl sie unterschiedliche Funktionen hätten: Solvabilität diene der Wertsicherung, Kapitalmanagement der Mittelverwendung.
Entscheidend sei, wofür das Kapital verwendet und ob es effizient zum Nutzen der Stakeholder eingesetzt wird – natürlich unter der Nebenbedingung, dass Risiken im Rahmen von Solvency II beachtet werden.
Karel van Hulle, seinerzeit Referatsleiter für Versicherungen und Pensionsfonds bei der Europäischen Kommission und „Architekt“ von Solvency II, habe „100 Prozent – nicht mehr und nicht weniger“ gefordert.
Zu viel Kapital bedeute, dass es nicht effizient eingesetzt wird, so Krischanitz. Es wäre wichtig, es Versicherern zu ermöglichen, ihr Geld profitabel in den Markt zu bringen, um mit anderen Ökonomien mithalten zu können. Ziel sollte es sein, sukzessive in Richtung 100 Prozent zu gehen.
Risikomanagement heiße in Österreich meist Risikoreduktion, doch der Kunde habe nichts von hohen Solvabilitätsquoten. Versicherer müssten sich überlegen, welche unternehmenseigenen und aufsichtsrechtlichen Ziele sie erreichen wollen.
Kapital habe nämlich nur eine Vorsorgefunktion: wenn etwas passiert, darauf zurückgreifen zu können, um den Schaden zu reparieren. Hohe Kapitalpuffer sollten dem Unternehmen und seinen Kunden nützen, nicht der Aufsicht. Entscheidend sei, wofür wieviel Kapital gebraucht wird.
Eine Solvabilitätsquote von 300 bis 500 Prozent, wie sie manche heimische Versicherer aufweisen, „geht in meinen Augen nicht“, so Krischanitz. Es stelle sich dabei die Frage, wessen Sicherheitsbedürfnis damit befriedigt wird – das der Kunden oder das der Aufsichtsbehörden.
Die Aufsicht mache in diesem Zusammenhang „nicht alles zu 100 Prozent richtig“, Krischanitz ortet bei der Behörde „große Verunsicherung“. Man wolle nicht in die Situation kommen, ein Problem nicht erkannt zu haben und fordere deshalb eine Zusatzmarge für den Fall, dass etwas schiefgeht.
Der Bewertungsmaßstab von Solvency II, wonach ein Versicherer alle Verpflichtungen erfüllen können muss („Current Exit Value“), sei nicht mehr adäquat. Und die Standardformel, die ursprünglich als Notlösung für kleinere Versicherer vorgesehen war, werde heute bevorzugt.
Damit zwinge man Versicherer, Risiken mit einem nicht adäquaten Modell einzuschätzen. Darüber hinaus würden die Aufsichtsbehörden „Gold Plating“ betreiben und höhere Quoten als nötig fordern. Krischanitz: „Das System blockiert meiner Meinung nach nur noch und verursacht Aufwand.“
Gleichzeitig hätten sich die Rechnungslegungsstandards weiterentwickelt. IFRS 17 – die internationale Regelung für Versicherungsverträge – sei prinzipienbasiert, es gebe kein Gold Plating und sei im Gegensatz zu Solvency II weltweit fast einheitlich. Es werde bald Zeit für „Solvency III“ – IFRS 17 könnte die Basis dafür sein.
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