Versichern sich risikofreudige Fahrer höher?

5.2.2019 – Autofahrer wählen ihren Versicherungsvertrag unabhängig von ihrem Fahrverhalten und der eigenen Risikobereitschaft – zu diesem Schluss gelangt eine neue Studie der Wirtschaftsuniversität Wien. Und: Nicht nur die zurückgelegte Distanz ist für das Unfallrisiko relevant, sondern die Häufigkeit der einzelnen Fahrten. Denn: Jede Fahrt hat zwei Phasen mit hohem Ablenkungspotenzial: den Beginn und das Ende. Fazit von Studienautor Alexander Mürmann: Autofahrer sollten sich deshalb gerade in diesen beiden Phasen konzentrieren – und Versicherer „individualisierter tarifieren“.

Ziemlich genau fünf Millionen Pkws sind nach Daten der Statistik Austria in Österreich zum Verkehr zugelassen. 2017 ereigneten sich 37.402 Unfälle mit Personenschaden.

Als vermutliche Hauptunfallursachen (2018) gelten laut Innenministerium – die Zahlen beziehen sich hier auf tödliche Verkehrsunfälle – Unachtsamkeit und Ablenkung (29,0 Prozent), nicht angepasstes Tempo (24,4 Prozent) und Vorrangverletzung (16,6 Prozent).

Zu schnelles Fahren, die gelbe Ampel zum Tritt aufs Gaspedal nutzen, für bloß kurze Wege ins Auto steigen – Situationen wie diese bergen versicherungsrelevante Risiken, dachte man sich an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und verknüpfte damit die Frage: Sind risikofreudige Autofahrer auch höher versichert?

Studie zu Fahrveralten, Unfallrisiko und Versicherungskauf

Alexander Mürmann, Professor für Risk Management and Insurance an der WU, hat zusammen mit Kollegen die Auswirkung des Fahrverhaltens auf das Unfallrisiko und auf den Versicherungsabschluss zum Gegenstand einer Studie gemacht.

Sie untersuchten hierfür die GPS-Daten versicherter Autos und die zugehörigen Versicherungsdaten über Tarifierungsmerkmale und Schadensfälle. So wurden Fahrprofile, basierend auf Tempolimit-Überschreitungen, gefahrener Distanz und Anzahl der Autofahrten, erstellt.

Zu bedenken galt es nicht zuletzt, dass „Ursache und Wirkung auch gegenläufig“ sein können, sprich: Höher versicherte Personen fahren möglicherweise riskanter – gerade weil sie gut versichert sind.

Dazu nutzten die Forscher Daten über lokale Wetterbedingungen und berücksichtigten, wie die Fahrer auf unterschiedliche Wetterbedingungen reagierten, nachdem diese ihren Versicherungsvertrag gewählt hatten.

Versicherungswahl vom Fahrverhalten unabhängig

„Entgegen der Vermutung der Studienautoren“, so die WU, kaufen Menschen mit unterschiedlichen Fahrerprofilen keine unterschiedlichen Versicherungsverträge.

Eine Erklärung sieht Mürmann darin, „dass wir uns im Hinblick auf nicht-finanzielle und finanzielle Risiken sehr unterschiedlich verhalten“.

Das heißt: „Wenn ich vorsichtig fahre, um Unfälle zu vermeiden, bedeutet das nicht automatisch, dass ich mich hoch versichere, um finanzielle Verluste zu vermeiden – und umgekehrt.“

Bei gleich langer Distanz erhöhen häufigere Fahrten das Risiko

Die Studie mache außerdem deutlich, dass nicht nur die gefahrene Distanz, sondern auch die Anzahl der Fahrten ein entscheidender Faktor für das Unfallrisiko sei: Wer mit mehreren Fahrten dieselbe Distanz zurücklege, setze sich einem höheren Unfallrisiko aus.

„Jede einzelne Fahrt zeichnet sich durch einen Anfang und ein Ende aus. In diesen beiden Phasen einer Fahrt beschäftigen wir uns gleichzeitig mit mehreren Dingen und sind somit weniger auf das Fahren konzentriert“, begründet Mürmann.

„Wir passen den Rückspiegel und den Sitz an, wir bedienen das Navigationsgerät, wir bringen das Auto in den Verkehrsfluss, wir suchen einen Parkplatz und sind gedanklich schon beim Zweck der Autofahrt“, beschreibt er einige spezifische Verhaltensweisen.

Aufs Fahren konzentrieren und „individualisierter tarifieren“

Gerade auch am Anfang und am Ende jeder Fahrt sollten sich Fahrer deshalb aufs Fahren konzentrieren, um das Unfallrisiko zu reduzieren.

„Versicherungen sollten sie dahingehend beraten und Anreize setzen, indem sie individualisierter tarifieren“, sagt Mürmann, für den die Studie „das Potenzial zunehmender Datengewinnung durch Digitalisierung zum Vorteil aller Beteiligten“ aufzeigt.

Weiterführende Information

Weitere Informationen zur Studie (in englischer Sprache) sind in der „Wiley Online Library“ zu finden.

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