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ORF-Bürgeranwalt: Gutachterstreit nach Querschnittslähmung

9.9.2021 – Der ORF-Bürgeranwalt hat sich mit dem Fall einer Vorarlbergerin beschäftigt, die nach zwei Unfällen komplett querschnittgelähmt ist. Da der Versicherer die Unfallkausalität für die Schädigung bezweifelt, hat sie bisher kaum Geld aus ihrer Unfallversicherung erhalten. Laut Experten müsse nun ein letztes Gutachten abgewartet werden. Ihr Anwalt befürchtet einen jahrelangen Prozess.

Eine heute 54-jährige Frau hatte bis zu ihrem Unfall ein sehr aktives Leben geführt. Als leidenschaftliche Skifahrerin half sie jeden Winter in der örtlichen Skischule im Kleinwalsertal aus. Im März 2015 geschah ihr dabei ein Missgeschick mit schwerwiegenden Folgen.

Bei Vorbereitungen für einen Kurs geriet sie mit beiden Füßen auf eine Plane. Sie rutschte mit ihren Skischuhen aus und fiel auf den Rücken, wobei sie mit Nacken und Hinterkopf auf einem hervorstehenden Buckel aus Eis aufkam.

Im Krankenhaus wurde eine schwere Prellung des Rückenmarks diagnostiziert, die sich trotz Therapie mit den Folgemonaten verschlechterte. Schließlich stellte sich etwas heraus, was nur in vier Prozent ähnlicher Unfälle auftreten soll: An den obersten Halswirbeln hatte sich eine Arthrose gebildet.

Vollständige Lähmung

Sie zeigte bereits Querschnittssymptome, aber ihr Zustand verschlechterte sich enorm, als sie mehr als ein Jahr später mit dem Roten Kreuz zur Physiotherapie gefahren wurde.

Unzureichend angegurtet wurde sie bei einer Notvollbremsung gegen die Fahrzeugwand geschleudert. Im Spital stellte sich heraus, dass sie nun vom ersten Halswirbel weg vollständig querschnittsgelähmt ist.

Ihr Mann hatte bereits seine Arbeitsstunden verkürzt, um sich mehr um sie kümmern zu können, aber das reiche nicht: Sie brauche eine 24-Stunden-Pflege, die sie sich, auch aufgrund der weggefallenen Einkommen, nicht leisten kann.

Bürgeranwalt greift den Fall auf

Die Geschädigte ist seit mehr als 30 Jahren privat unfallversichert. Bereits nach dem ersten Unfall hatte sie ein Schreiben erhalten, in dem der Kausalzusammenhang zwischen Unfall und Gebrechen angezweifelt wurde.

Die Begründung: Bei der Klägerin sei das Vorleiden eines Querschnittssyndroms vorgelegen, das die Unfallfolgen begünstigt hätte. Beim zweiten Unfall habe sich das „schicksalhafte Gebrechen“ nicht erhöht. Bisher hat der Versicherer 18.000 Euro ausgezahlt.

Insgesamt wurden in diesem Fall bisher vier Gutachten erstellt: Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich und reichen von keiner bleibenden Invalidität aufgrund des Unfalls über 25 Prozent unfallbedingte Invalidität für die Rückenmarkssymptomatik bis zu 100 Prozent Unfallkausalität.

Eine Klage gegen den Versicherer ist gerade im Gange, das Ergebnis noch schwer absehbar. Die Geschädigte wandte sich an den ORF, ihr Fall wurde von der Sendung „Bürgeranwalt“ aufgegriffen und im Studio diskutiert.

Versicherer nimmt schriftlich Stellung

Der Versicherer äußerte sich gegenüber dem ORF mit einer schriftlichen Stellungnahme. Es müsse bei der privaten Unfallversicherung immer Klarheit darüber bestehen, ob ein Unfall die Ursache für einen später auftretenden körperlichen Schaden ist.

Ebenso müsse klar sein, ob zum Zeitpunkt des Unfalls bereits Krankheiten oder Gebrechen vorlagen; dafür sei eine genaue Prüfung durch Sachverständige notwendig. Das Gericht habe aktuell einen Sachverständigen mit der Erstellung eines neurologischen Gutachtens beauftragt

Da sich der Fall in einem offenen gerichtlichen Verfahren befindet, sei keine abschließende Stellungnahme möglich.

Strategisches Vorgehen?

Rechtsanwalt Hans-Jörg Vogl, der die Geschädigte vertritt, kennt nach eigener Aussage ähnlich gelagerte Fälle, bei denen Querschnittsyndrome nicht sofort nach einem Unfall auftreten, sondern sich erst nach und nach herausbilden.

Das Vorgehen der Versicherung hält Vogl für strategisch. Zahlungsbegehren würden pauschal abgewiesen, Klagen abgewartet und an Rechtsanwälte delegiert. Das spare Aufwand und damit Personalkosten.

Zweitens lege es der Versicherer bewusst auf lange Prozesse an: Der ohnehin schon weniger wohlhabende und durch Unfallkosten meistens beeinträchtigte Versicherungsnehmer könne sich irgendwann einen Prozess mit unsicherem Ausgang nicht mehr leisten und müsse ihn fallen lassen.

Anwalt wünscht sich Vergleich

Der zweite geladene Gast, Alexander Punzl, Präsident des Österreichischen Versicherungsmaklerringes, äußerte sich zu den sehr verschiedenen Ergebnissen der Gutachten und erklärte die Stellungnahme des Versicherers.

Das jüngste Gutachten, das hundertprozentige Unfallkausalität festgestellt hatte, sei im Auftrag des Versicherers von einem Universitätsprofessor für Neurochirurgie angefertigt worden. Die vorherigen hätten zwar auch von Experten gestammt, aber nur aus angrenzenden Fächern.

Am Wort sei nun der Gerichtsgutachter; dieser könne bisherige Ergebnisse vergleichen und ein finales Ergebnis liefern. Der Richter werde sich wahrscheinlich nach diesem Gutachten richten. Das sei abzuwarten.

Rechtsanwalt Vogl befürchtet nun einen jahrelangen Prozess. Der Fall sei geeignet, einen Vergleich abzuschließen, da das Geld jetzt mehr nütze als in einigen Jahren: „Wir wären auf jeden Fall sehr vergleichsbereit und würden in ernsthafte Verhandlungen treten, wenn von der Versicherung ein Signal kommt.“

Weiterführende Information

Die Sendung steht noch für wenige Tage in der ORF-TVthek zum Abruf bereit. Der Abschnitt mit dem beschriebenen Fall ist unter diesem Link direkt erreichbar.

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Invalidität · Versicherungsmakler
 
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