Achtjähriger verursacht Skiunfall: Vater haftbar?

18.5.2020 – Bei einer Kollision mit einem Achtjährigen wurde eine Skifahrerin verletzt, sie klagte den Vater auf Schadenersatz. Der Oberste Gerichtshof gab dessen außerordentlicher Revision statt: Die Aufsichtspflicht habe Grenzen. Als sein Sohn die Kontrolle über die Ski verlor, habe er nichts mehr tun können. Keine zumutbare Vorbereitung habe gefehlt.

Der Beklagte war mit seinen beiden Söhnen, elf und acht Jahre alt, Ski fahren. Selbst der Jüngere hatte bereits dreijährige Skierfahrung, wenn auch nur jeweils eine Woche. Sie wählten eine „blaue“ Piste, die ein Skilehrer ausdrücklich als für ihn geeignet bezeichnet hatte.

Der Ältere fuhr voran, dann der Jüngere, zuletzt der Vater. Die Piste war stark befahren, deshalb hatte er seinen Söhnen vorgeschrieben, kontrolliert zu fahren und die FIS-Regeln mit ihnen besprochen.

Der ältere Sohn blieb beim flachen Plateau einer Bergstation stehen, der jüngere aber fuhr zu schnell, kam auf ein steileres Stück und verlor die Kontrolle über die Ski.

Zusammenstoß war nicht zu verhindern

Die Klägerin fuhr währenddessen von einem kleinen Hügel aus zu einer Unterführung, ihr Weg führte über die Piste. Sie blickte zuerst nach oben, sah keine Gefahr und setzte an, die Piste zu überqueren.

Dabei rammte sie der Achtjährige von links, sie konnte die Kollision nicht verhindern. Sie erlitt einen Bruch des linken Unterschenkels, infolgedessen mäßige Dauerschäden und Verdienstentgang.

Dementsprechend klagte sie den Vater, der Sohn habe gegen die FIS-Regeln verstoßen und den Unfall ausgelöst, was darauf zurückzuführen sei, dass der Vater ihn nicht ausreichend aufgeklärt habe.

Nicht adäquat vorbereitet?

Das Erstgericht gab dem Begehren zum größten Teil statt: Der Skilehrer hätte das Befahren der Piste dem Achtjährigen nicht erlauben dürfen, da dessen Erfahrung nicht ausreichend gewesen ist. Ein so krasses Missverhältnis reiche für ein Verschulden, was auf den Aufsichtspflichtigen auszuweiten sei.

Das Berufungsgericht gab beiden Berufungen nicht Folge. Die Fahrweise sei grundsätzlich nicht zu beanstanden gewesen, hinter den Kindern zu fahren erlaube zum Beispiel schnellere Reaktion auf Stürze. Es hätten aber mit dem Achtjährigen Fahrlinie und –tempo vereinbart werden müssen.

Das, sowie entsprechende Nähe zu dem Kind, hätte rechtzeitiges Eingreifen ermöglicht. Durch das Tempo des Kindes sei Einschreiten unmöglich gewesen. Voranfahren oder Festlegen eines Sammelpunktes hätte das gleiche erzielen können: Verhindern, dass sein Tempo ausartet.

Insbesondere die Unfallstelle sei gefährliches Terrain, das besondere Aufmerksamkeit erfordert hätte. Der Beklagte habe keine Maßnahmen gesetzt, die Geschwindigkeit seines Sohns zu regulieren. Auch die Einschätzung des Skilehrers, dass die Piste für den Achtjährigen geeignet sei, könnte ihn nicht der Aufsichtspflicht entziehen.

Grenzen der Aufsichtspflicht

Dagegen richtete sich die außerordentliche Revision des beklagten Vaters, die der Oberste Gerichtshof beantwortete. Ob die erwiesenermaßen schuldlose Klägerin Anspruch auf Schadenersatz hat, komme darauf an, ob der Beklagte seine Aufsichtspflicht verletzt hat. Das sei nicht der Fall gewesen.

Die Frage sei, was verständige Eltern nach vernünftigen Anforderungen tun müssen, um die Schädigung Dritter durch ihre Kinder zu verhindern. Zum Beispiel könne von einem mittelmäßigen Skifahrer nicht verlangt werden, der Auskunft eines Skilehrers zu misstrauen.

Abgesehen davon habe der Skilehrer keine falsche Auskunft gegeben, als er dem Achtjährigen zugestand, die Piste selbstständig abzufahren: Tatsächlich sei nur das tatsächlich befahrene Stück zu schwer gewesen, rechts davon wäre die Piste aber ungleich leichter gewesen.

Revision erfolgreich

Abgesehen davon hätte der Achtjährige ähnlich schwere Pisten bereits mehrmals davor erfolgreich befahren. Wie der Vater den Kontrollverlust seines Sohnes konkret hätte verhindern sollen, habe das Berufungsgericht auch nicht ausgeführt.

Weder, näher am Sohn zu fahren, noch ein ausgemachter Treffpunkt hätten ihm das Bremsen ermöglichen können. Schon im Flachbereich hatte er die Kontrolle verloren, einer Bremsaufforderung des Vaters konnte er nicht mehr nachkommen.

Die Revision war erfolgreich, das Schadenersatzbegehren der Klägerin wurde zur Gänze abgewiesen.

Die Entscheidung im Volltext

Die OGH-Entscheidung 3Ob226/19k vom 26. Feburar 2020 ist im Rechtsinformationssystem des Bundes im vollen Wortlaut abrufbar.

 
WERBUNG
Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu! Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.at.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.at.

Täglich bestens informiert!

Der VersicherungsJournal Newsletter informiert Sie von montags - freitags über alle wichtigen Themen der Branche.

Ihre Vorteile

  • Alle Artikel stammen aus unserer unabhängigen Redaktion
  • Die neuesten Stellenangebote
  • Interessante Leserbriefe

Jetzt kostenlos anmelden!

VersicherungsJournal in Social Media

Besuchen Sie das VersicherungsJournal auch in den sozialen Medien:

  • Facebook – Ausgewähltes für den Vertrieb
  • Twitter – alle Nachrichten von VersicherungsJournal.at
  • Xing News – Ausgewähltes zu Karriere und Unternehmen
Weitere Artikel aus Versicherungen & Finanzen
4.6.2020 – Bei einem Arbeitsunfall verlor ein Versicherungsnehmer drei Finger – zwei davon konnten in einer Operation wieder replantiert werden, doch trat dabei eine Durchblutungsstörung des Gehirns auf. Der Versicherer verweigerte eine Leistung, weil Schlaganfälle als Unfallfolge ausgeschlossen waren. Zu Recht? mehr ...
 
4.6.2020 – Covid-19 bringt zahlreiche rechtliche Fragen und Auseinandersetzungen mit sich. Muss der Rechtsschutzversicherer in solchen Fällen Versicherungsdeckung gewähren, oder kann er eine Deckung ablehnen? Von Georg Kudrna. (Bild: PGP/Paul Gruber) mehr ...
WERBUNG