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Tiroler Versicherung arbeitete NS-Zeit auf

20.11.2020 – Die Tiroler Versicherung in der Zeit des Nationalsozialismus: Ein dreijähriges Forschungsprojekt hat sich mit diesem Teil der Unternehmensgeschichte auseinandergesetzt. Zahlreiche Unterlagen wurden zu diesem Zweck gesichtet. Die Ergebnisse wurden nun in einem Buch vorgestellt.

Buchvorstellung: Autor Nikolaus Bliem (li.) und Tiroler-Vorstand Franz Mair (Bild: Tiroler/Reiter)
Bei der Buchvorstellung am Mittwoch: Nikolaus Bliem (li.), Autor des Buchs „Betriebsführer und Gefolgschaft“, und Tiroler-Vorstand Franz Mair (Bild: Tiroler/Reiter)

Es ist ein heikles Thema, dessen sich die Tiroler Versicherung V.a.G. angenommen hat: In einem dreijährigen Forschungsprojekt hat der Historiker Nikolaus Bliem in ihrem Auftrag ihre Rolle in der NS-Zeit aufgearbeitet.

Begleitet wurde die Studie unter anderem von Dirk Rupnow, Professor für Zeitgeschichte an der Innsbrucker Leopold-Franzens-Universität.

Das gab die Tiroler Versicherung am Donnerstag in einer Aussendung bekannt, in der auch die beiden Forscher zu Wort kommen.

Recherche in 34 Archivkisten

2012 aufgefunden: Unternehmensdokumente aus der NS-Zeit (Bild: Tiroler/Reiter)
2012 aufgefunden: Unter-
nehmensdokumente aus der
NS-Zeit (Bild: Tiroler/Reiter).
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In den Festschriften der Tiroler Versicherung seien über jenen Teil der Geschichte, der sich mit den Jahren 1938 bis 1945 beschäftigt, bislang nur wenige Sätze zu finden gewesen, sagt Tiroler-Vorstand Franz Mair. „Mir war das immer zu wenig.“

Weder im Unternehmensarchiv noch in öffentlichen Quellen sei jedoch Nennenswertes über die Tiroler Versicherung – die damals Tiroler Landes-Brandschaden-Versicherungsanstalt hieß – in dieser Zeit zu finden gewesen, begründet Mair den Forschungsauftrag.

Bliems Quellen lagen im Keller der Unternehmenszentrale in der Innsbrucker Wilhelm-Greil-Straße, berichtet der Versicherer. In erster Linie handle es sich um Korrespondenzen, aber auch um Schadensmeldungen, Verträge und Personalakten – insgesamt 34 Archivkisten.

Die Resultate hat Bliem nun in dem am Mittwoch vorgestellten Buch „Betriebsführer und Gefolgschaft“ veröffentlicht.

Personalpolitik

Der Anschluss Österreichs habe für das Unternehmen vor allem personelle Konsequenzen gehabt. Direktor Josef Dobin wurde mit Schreiben des Landeshauptmanns vom 15. März 1938 seines Postens enthoben; das Schriftstück ist im Buch ebenso abgebildet wie jenes vom 6. Mai 1945, mit dem der Exekutivausschuss der Widerstandsbewegung O5 Dobin wieder einsetzte.

Nach Dobins Absetzung 1938 habe in der Folge – der weder als Unternehmensleiter noch in Versicherungsangelegenheiten erfahrene – Ekkehard Pesendorfer als „Betriebsführer“ zum einen die Aufgabe gehabt, politisch unzuverlässige Personen zu entlassen.

Weil aber zum anderen das Unternehmen am Laufen gehalten werden musste, habe man dabei nicht allzu streng vorgehen können, wie im Buch zu lesen ist. So sei es zu politischen Entlassungen „vor allem bei den entbehrlichsten Personen des Unternehmens, bei Vertretern sowie einfachen Angestellten, die ersetzbare Funktionen ausübten“, gekommen.

Historiker Dirk Rupnow (Bild: Andreas Friedle)
Historiker Dirk Rupnow
(Bild: Andreas Friedle)

Hinweise auf gekündigte jüdische Mitarbeiter hat Bliem keine gefunden. Die Entlassenen seien politische Gegner gewesen. Hier seien Handlungsspielräume erkennbar: Personalentscheidungen seien nicht ausschließlich von Stellen der NSDAP getroffen worden, auch das Unternehmen selbst habe durch Interventionen Einfluss ausgeübt.

Pogromnacht im November 1938

„In der Pogromnacht am 9. November 1938 kam es in Innsbruck – gemessen am Anteil der Jüdinnen und Juden an der Gesamtbevölkerung – zu den grausamsten und blutigsten Verbrechen im gesamten Deutschen Reich. Deshalb hat mich vor allem die Schadenliste des Jahres 1938 interessiert. Doch dort war nichts zu finden“, berichtet Bliem weiter.

Rupnow zufolge kann das unterschiedliche Gründe haben: Zum einen sei es möglich, dass jüdische Versicherungsnehmer systematisch davon abgehalten wurden, Schadenzahlungen geltend zu machen. Es sei aber auch möglich, dass die Tiroler keine jüdischen Versicherungsnehmer hatte.

„Der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung war in Tirol sehr gering und hauptsächlich im urbanen Raum zu finden, wo die Tiroler den geringsten Marktanteil hatte“, so Rupnow.

Hoffen auf weitere Dokumente

„Das vorhandene Material macht eine bedenkliche Lücke in der Unternehmensgeschichte deutlich kleiner, auch wenn nach rund 80 Jahren wohl immer Fragen offenbleiben werden“, sagt Mair.

In der Aussendung äußert die Tiroler Versicherung die Hoffnung, dass die Buch-Veröffentlichung womöglich weitere Dokumente – aus Privatarchiven – auftauchen lässt.

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