Zur Risikolage der österreichischen Versicherungswirtschaft

11.1.2021 – Corona verschärft die Herausforderungen durch das Niedrigzinsumfeld, Rechtsrisiken – etwa im Zusammenhang mit Spätrücktritten und Betriebsunterbrechungsversicherungen – werden als „hoch mit steigender Tendenz“ eingestuft, IT-Risiken spielen eine noch bedeutendere Rolle, in Bezug auf Klimarisiken ist ein Stresstest geplant. Das sind einige der Punkte, die aus dem „Bericht der FMA 2020 zur Lage der österreichischen Versicherungswirtschaft“ abzulesen sind.

Kurz vor Weihnachten hat die Finanzmarktaufsicht (FMA) ihren „Bericht 2020 zur Lage der österreichischen Versicherungswirtschaft“ veröffentlicht. Größte Herausforderung für den Sektor sei wohl nach wie vor das Niedrigzinsumfeld, stellt der Vorstand der Behörde fest.

„Die niedrigen Zinsen führen zu höheren Verbindlichkeiten, drücken auf die Solvabilitätsquoten und haben Ertragsrückgänge bei Anleihen zur Folge“, so die beiden Vorstandsmitglieder Helmut Ettl und Eduard Müller unisono.

Wegen der Corona-Krise werde die noch 2019 erhoffte Zinswende „für einige Jahre vertagt“, prognostiziert die FMA. Das bringe insbesondere die Lebensversicherungen weiter unter Druck, da deren Margen – die Nettoverzinsung minus durchschnittlicher Rechnungszins – „bereits unter 1 Prozent liegen“.

Volatilität fast verdoppelt

Zudem habe die Pandemie Schwankungsbreite, -wahrscheinlichkeit und -intensität an den Aktienmärkten im Vergleich zu vorher fast verdoppelt.

Die Kapitalausstattung der österreichischen Versicherungswirtschaft, gemessen an der Solvenzkapitalanforderung (SCR), ist zwar laut FMA von 259 Prozent im Jahr 2018 auf 238 Prozent 2019 und 214 Prozent Mitte 2020 gesunken.

Sie sei damit aber immer noch mehr als doppelt so hoch wie erforderlich, stellt die Aufsicht fest.

Rendite: schwierig

Die Schwierigkeit, angemessene Renditen zu erzielen, werde allein schon dadurch ersichtlich, dass im Oktober 2020 weltweit bereits ein Anleihevolumen von 16.300 Milliarden Euro mit Negativverzinsung gehandelt worden sei. Die Versicherer reagieren darauf sehr unterschiedlich, konstatiert die FMA.

„So veranlagen etwa vier Versicherungsunternehmen mehr als zwei Drittel ihres Gesamtvermögens in Investmentfonds, zwei andere wiederum haben mehr als ein Drittel des Vermögens in Immobilien investiert (im Gesamtmarkt liegt diese Quote im Median lediglich bei rund 3 Prozent).“

Weiters sei ein Trend in Richtung langfristiger Finanzinstrumente zu beobachten, da diese höher verzinst seien. Dies berge aber bei einer Zinswende die Gefahr von Kurswertverlusten.

Kein „Home-Bias“ in der Anlagestrategie

Der neue Bericht zur Lage der Versicherungswirtschaft (Cover; Quelle:FMA)
Der neue Bericht zur Lage der
Versicherungswirtschaft (Cover; Quelle:FMA)

Mitte 2020 hatte die Versicherungswirtschaft den FMA-Angaben zufolge 25,1 Prozent ihrer Vermögenswerte in Unternehmensanleihen veranlagt, 22,2 Prozent in Staatsanleihen, 19,6 Prozent in Investmentfonds, 16,7 Prozent in Beteiligungen, den Rest in Immobilien, Darlehen, Barmittel und Aktien. Durchgerechnet seien rund 60 Prozent in Anleihen veranlagt.

Ein „Home-Bias“ zugunsten österreichischer Staatsanleihen sei aber nicht zu beobachten. Nur fünf Prozent oder 5,8 Milliarden Euro seien so investiert.

„Signifikant ist aber, dass die Versicherer in der Vermögensverwaltung zunehmend auf die Expertise externer Asset Manager vertrauen, die nach 13 Prozent des gesamten verwalteten Vermögens 2016 im Juni 2020 bereits 20 Prozent managten“, hebt die FMA hervor.

Wie risikoexponiert Veranlagungen sind

Wie exponiert sind die Vermögenswerte der Versicherungsunternehmen gegenüber bestimmten aktuellen Risikokategorien?

Acht Milliarden Euro oder sechs Prozent der Vermögenswerte sind der FMA zufolge in Wirtschaftszweigen veranlagt, die durch Corona besonders gefährdet sind.

Etwa 20 Prozent der Vermögenswerte stecken in Veranlagungen, „die durch die Transition in eine klimaneutrale Wirtschaft potenziell betroffen sind“.

Rechtsrisiken „hoch mit steigender Tendenz“

Als „hoch mit steigender Tendenz“ stuft der Bericht Rechtsrisiken ein. Dafür nennt er folgende Gründe:

  • ein sich laufend änderndes Rechtsumfeld,
  • zunehmende Komplexität und
  • die „teilweise durch die Rechtsprechung noch nicht abgeschlossene Konkretisierung“ der Folgen des Spätrücktritts in der Lebensversicherung.

So bringe die „Solvency II Review“ eine Vielzahl von Änderungen mit sich, „insbesondere in den Bereichen der langfristigen Garantien, Extrapolation der risikofreien Zinskurve und Kalibrierung der Standardformel“.

Hauptrisiko im Zusammenhang mit Corona und Betriebsunterbrechungen seien „allfällige Klagen der Versicherungsnehmer auf einen Leistungsanspruch, der in Abhängigkeit von den jeweiligen Vertragsklauseln der VU unterschiedlich interpretiert wird“.

Einerseits ergebe sich für die Versicherungswirtschaft ein Reputationsrisiko, andererseits steige der Druck auf die Unternehmen, „retroaktive Deckungen zu gewähren“.

IT-Risiken kommt „noch bedeutendere Rolle“ zu

Eine „noch bedeutendere Rolle“ als zuvor schreibt die FMA insbesondere seit der coronabedingt verstärkten Nutzung digitaler Möglichkeiten IT-Risiken zu, etwa in Form von Cyberkriminalität. Laut der FMA-Digitalisierungsstudie war 2018 die Hälfte (54 Prozent) der Versicherer versuchten Cyberattacken ausgesetzt.

Hinzu komme der Aspekt, dass „zentrale Aspekte in Betrieb und Erweiterung der IT-Systeme, wie z. B. die Wartung der physischen Infrastruktur, die Weiterentwicklung und Aktualisierung von Applikationen oder auch die Absicherung des Firmennetzwerkes gegen Hackerangriffe häufig von externen IT-Dienstleistern übernommen werden“.

Auslagerungen an externe IT-Dienstleister könnten einerseits Sicherheit und Performance verbessern, andererseits könnten damit aber auch Abhängigkeiten und Konzentrationsrisiken verbunden sein, so die FMA.

2021 will sie aktuelle Daten erheben, um eine „Landkarte der digitalen Vernetzung“ auf dem österreichischen Finanzmarkt und der damit verbundenen Risiken erstellen zu können.

Stresstest zu Risiken durch Klimawandel geplant

Ein weiterer Punkt im Bericht betrifft den Klimawandel. Geplant ist ein „Stresstest“ in Bezug auf Klimarisiken.

Der Klimawandel ändere die Risikolandschaft für die Versicherer „in immer stärkerem Maße“. Zum einen „lassen klimatische Veränderungen Häufigkeit und Ausmaß von Katastrophenschäden steigen“ und seien damit eine versicherungstechnische Herausforderung.

Zum anderen „können Transitionsrisiken die Kapitalanlagen der Versicherer betreffen“. Rund 20 Prozent der Vermögenswerte der Versicherer seien in klimarelevanten Sektoren angelegt. „Am stärksten ist der Sektor Immobilien mit etwa 13 Prozent und somit zwei Drittel aller klimarelevanten Sektoren vertreten.“

Zum Herunterladen

Der 54-seitige „Bericht der FMA 2020 zur Lage der österreichischen Versicherungswirtschaft“ kann von einer eigenen Webseite der FMA als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

 
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