Wie Altersarmut von Frauen verhindert werden kann

11.3.2019 – Frauen, die im Vorjahr in Pension gingen, erhalten monatlich nur rund halb so viel wie Männer. Hauptgrund dafür ist, dass viele Frauen nach der Geburt von Kindern in Teilzeit arbeiten, so die übereinstimmende Sicht der Diskussionsteilnehmer. Notwendig sind transparente Informationen, Möglichkeiten zur Kindebetreuung oder Väterbeteiligung.

Eine prominent besetzte Diskussionsrunde beschäftigte sich am Abend vor dem internationalen Frauentag mit der Frage, ob Altersarmut weiblich ist. Eingeladen zur Podiumsdiskussion hatten das Finanzjournalistenforum und der Finanz-Marketing Verband Österreich (FMVÖ).

Es sei Aufgabe der Sozialversicherung, gegen soziale Risiken abzusichern. Das gelte auch für die Existenzsicherung im Alter, betonte Alexander Biach, Vorsitzender des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, in seiner Keynote einleitend.

von links nach rechts: Doris Wendler, Martin Kwauka, Juliane Bogner-Strauss und Alexander Biach (Bild: VersicherungsJournal)
Von links nach rechts: Doris Wendler, Martin Kwauka, Juliane Bogner-Strauß und Alexander Biach (Bild: VersicherungsJournal). Zum Vergrößern Bild anklicken.

Geschlechtsspezifische Pensionslücke

Biach ging dann auf aktuelle Zahlen aus der Pensionsstatistik ein, mit denen er die unterschiedliche finanzielle Situation von Frauen und Männern im Alter illustrierte.

Im Jahr 2018 lag der Median, jener Wert, unter und über dem jeweils die Hälfte der Alterspensionen liegt, bei erstmaliger Zuerkennung in Österreich bei 1.576 Euro monatlich (14 Zahlungen im Jahr). Frauen erhielten mit brutto 1.133 Euro rund 51 Prozent des Betrages, den Männer bekamen (2.232 Euro).

Am niedrigsten waren die Pensionen bei den Bauern (Frauen: 922 Euro, Männer: 1.300 Euro), am höchsten bei öffentlich Bediensteten (Frauen: 2.825 Euro, Männer: 2.985 Euro). Bei letzteren ist auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern am geringsten, Frauen erhielten 95 Prozent des Betrages der Männer.

Problem Armutsgefährdung

Die Zahlen seien in Relation zur Definition der Armutsgefährdung zu betrachten, so Biach. Diese liegt für Einpersonenhaushalte derzeit bei 1.061 Euro brutto. Frauen seien davon deutlich stärker betroffen als Männer; so seien 15,6 Prozent der Frauen über 60 armutsgefährdet, aber nur zehn Prozent der Männer.

Unterschiede gibt es auch bei der Pensionslücke. 2017 lag die Nettoersatzrate (Pension in Prozent des Letztbezugs, netto) in Österreich bei 78 Prozent. Männer erhielten als Pension rund 80 Prozent, Frauen nur 76 Prozent des Betrages, den sie zuletzt verdient hatten.

Vor allem Teilzeitarbeit wirke sich „extrem negativ“ auf die Pension aus, erläuterte Biach. Frauen, die nach der Geburt eines Kindes teilzeitbeschäftigt waren, würden deutlich weniger Pension erhalten als jene, die im selben Zeitraum arbeitslos waren – bei sonst gleichen Voraussetzungen.

Lösungsmöglichkeiten

Kurzfristig würden eine Anhebung von Ausgleichszulagenrichtsatz, Beihilfen und Pflegegeld sowie ein freiwilliges Pensionssplitting gegen Altersarmut von Frauen wirken, so Biach.

Als langfristige Maßnahmen nennt er die Anhebung des Pensionsantrittsalters für Frauen sowie die Vermeidung von Teilzeitbeschäftigung und damit verbunden den Ausbau der Kinderbetreuung. Auch sollte die „Abfertigung neu“ nicht vorzeitig auszahlbar sein.

Weitere langfristige Maßnahmen wären ein Pensionskassenmodell mit Prämien für niedrige Einkommen und eine Stärkung des Wohneigentums vor allem in Städten.

Teilzeitarbeit als Armutsrisiko

In der anschließenden Podiumsdiskussion verwies die Bundeministerin für Frauen, Familien und Jugend Juliane Bogner-Strauß darauf, dass in Österreich sowohl Teilzeitarbeit als auch Altersarmut weiblich seien.

Teilzeitarbeit von Frauen sei „gesellschaftlich tradiert“, Tatsache sei, dass es der Wunsch vieler Frauen sei, Teilzeit zu arbeiten. So gebe es deutlich mehr Bewerbungen für angebotene Teilzeit- als für Vollzeitstellen.

Der Anteil in Teilzeit arbeitender Frauen sei sogar im Steigen begriffen, auch die Schaffung zusätzlicher Kinderbetreuungsplätze in den vergangenen Jahren habe nicht mehr Frauen in Vollzeitbeschäftigung gebracht.

Ursachen identifizieren

Dazu komme, dass sich auch die Branchen, in denen Frauen arbeiten, negativ auf Löhne und Pensionen auswirken. Und schließlich würden nur zwei Drittel aller Frauen aus einer Erwerbstätigkeit in Pension gehen.

Mit dem Projekt „Trapez“ (für „transparente Pensionszukunft“) sollen nun konkrete Faktoren und Ursachen für die Pensionslücke identifiziert und analysiert werden. „Damit Frauen wissen, was ihnen blüht, wenn sie in dauerhafte Teilzeit gehen“, so Bogner-Strauß.

Änderungen sind möglich

Die genannten Zahlen sind für Doris Wendler, Vorstandsmitglied der Wiener Städtischen Versicherung AG, „nicht neu, aber erschreckend“. Altersarmut sei zwar heute weiblich, doch in Zukunft müsse dies nicht so bleiben. Notwendig wäre es, früh zu beginnen, gegenzusteuern.

Für Martin Kwauka, Leiter des Finanzjournalistenforums, stellt sich in der Praxis dabei die Frage, wie beispielsweise eine alleinerziehende Mutter mit einem Nettoeinkommen von tausend Euro vorsorgen soll.

Wichtig wäre die Unterstützung junger Mütter, weil es „nur bei einem passenden Einkommen möglich ist, privat vorzusorgen“, betont Wendler. Trotz sehr gut funktionierender staatlicher Pension müsse man aber, um den Lebensstandard zu halten, „selbst etwas tun“.

Und man müsse jung anfangen: „Je länger ich spare, desto weniger brauche ich monatlich.“ Dabei sollte zuerst an Unfall- und Risikovorsorge gedacht werden.

Herausforderungen für Privatwirtschaft

Während es im öffentlichen Dienst nur eine sehr kleine „gender pay gap“ gibt, stelle sich die Frage, was in der Privatwirtschaft getan werden könne, so Kwauka.

Möglichkeiten dazu seien beispielsweise Betriebskindergärten, die Betreuung von Volksschulkindern in den Ferien oder die Einrichtung von Heimarbeitsplätzen, so Wendler. Dies würde Gleichberechtigung herstellen und Frauen „weg von der Teilzeit“ bringen.

Solche Einrichtungen gebe es beispielsweise in der Wiener Zentrale ihres Unternehmens. Schwieriger sei die Situation im ländlichen Raum. Und Biach betont, dass Vollzeitbeschäftigung für kleine und mittlere Betriebe „berechenbar“ sein müsse.

Kinder sind ein Familienthema

Eine weitere Verbesserung würde ein automatisches Pensionssplitting (Übertragung eines Teils der Pensionsjahresgutschrift vom erwerbstätigen auf den überwiegend erziehenden Elternteil) bringen. Bogner-Strauß spricht sich für ein solches Modell – mit Opting-out-Möglichkeit – aus.

Kinder seien nämlich „kein Frauenthema, sondern ein Familienthema“, so die Ministerin. Allerdings sei die Väterbeteiligung in Österreich „noch nicht angekommen“ und müsse gesteigert werden.

Nötig seien daher auch rahmenpolitische Maßnahmen wie die Elternteilzeit. Vor allem skandinavische Modelle könnten hier als Vorbild dienen.

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