Vorsorge: Damokles, Unmut und andere Baustellen

5.9.2019 – Ein „Schulterschluss“ zwischen den drei Säulen, wenig Freude mit der Altersvorsorge sowohl unter Kunden als auch Maklern, das Problem mit dem „Durchhalten“ beim Ansparen und die Frage, ob die Besteuerung von Versicherungen in der derzeitigen Form adäquat ist – das waren einige der Themen, über die Michael Miskarik (HDI Leben), Fachverbandsvizechef Rudolf Mittendorfer, Ulrike Weiß (AK Oberösterreich) und Frederik Fokkink (S&S Versicherungsmakler) in Alpbach diskutierten.

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„Die erste Säule ist die wichtigste“, sagte Ulrike Weiß, Leiterin der Abteilung Konsumentenschutz in der Arbeiterkammer Oberösterreich (AK OÖ), bei einer Podiumsdiskussion rund um das Thema Altersvorsorge beim Expertentreffen der Versicherungsmakler in Alpbach letzte Woche.

Nichtsdestoweniger hält sie aber, im Sinne einer Kombination der drei Säulen, auch gute Rahmenbedingungen für die betriebliche und private Vorsorge für wichtig. „Aus unserer Sicht ist das kein Entweder-oder“, jeder solle sich „seinen Mix zusammenstellen können“. Wichtig sei außerdem, dass die Produkte „verständlich“ sind.

Allerdings stimmten die letzten Jahre „nicht sehr zuversichtlich“, meinte Weiß. Namentlich erwähnte sie die prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge, die mit ihrer „krampfhaften“ Aktien-Garantie-Kombination „kein gutes Produkt“ sei. Und: Am Schluss nur das Kapital herauszubekommen, sei zu wenig.

Eine Lanze brechen wollte Weiß explizit für die Rentenversicherung, die von der Zukunftsvorsorge in den Hintergrund gedrängt worden sei. Hoffnungen setzt sie in das paneuropäische Pensionsprodukt: „Vielleicht bringt uns das Pepp die Chance auf ein einfaches, kostengedeckeltes Basisprodukt.“

Pensionsreformen und ein Damoklesschwert über dem Berater

Warum wird in der Maklerschaft das Altersvorsorgegeschäft nicht stärker betrieben? Rudolf Mittendorfer, konsumentenschutzpolitischer Sprecher und stellvertretender Obmann des Fachverbands der Versicherungsmakler, ortet dafür zwei Gründe, er sprach von einer „Lose-lose-Situation“.

Auf der einen Seite habe man es nämlich mit Pensionsreformen zu tun, die das Pensionsniveau gesenkt haben. Auf der anderen Seite schwebe über dem Berater seit geraumer Zeit das „Damoklesschwert“, für negative Entwicklungen der Lebensversicherung verantwortlich gemacht zu werden, für die er nichts könne – all das verbunden mit Beratungsaufwand und -kosten.

Seine größte Sorge, so Mittendorfer, sei, dass die lange Niedrigzinsphase der jungen Generation das Gefühl vermittelt habe, dass Sparen nichts bringe. Vorsorge müsse aber vielmehr „ein positiv besetzter Begriff“ werden.

Mit kapitalgedeckter Altersvorsorge müsse so früh wie möglich begonnen werden, „sonst kommt nichts zusammen“. Hier bedürfe es gesellschaftlichen Drucks. „Das vermisse ich in der politischen Diskussion.“

Flexibilität versus Kapitalentwicklung

„Die Sensibilisierung für Altersarmut kommt zu kurz“, sagte Michael Miskarik, Leiter der Niederlassung der HDI Lebensversicherung AG in Österreich.

Das Pensionskonto bezeichnete er als Meilenstein. Bei dessen Einführung sei unter den Kunden „alles andere als Begeisterung“ zu erkennen gewesen, „weil sie sich mehr erwartet haben“. Der breiten Bevölkerung fehle die Vorstellung davon, wie sich Kapital und Zinsen entwickeln.

Wenn bei Konsumentenschützern Fälle eingehen, in denen Kunden ihren Unmut über ihre Lebensversicherung kundtun, hat das Miskarik zufolge mit der Langfristigkeit der Veranlagung und dem gleichzeitigen Wunsch nach Flexibilität, also der Möglichkeit, Kapital zu entnehmen, zu tun.

Denn im Schnitt werde eine Leben-Polizze auf 35 Jahre abgeschlossen, und bei einer so langen Vertragsdauer tauche die Frage auf: „Bin ich da flexibel?“ Wenn das bejaht, dem Kunden aber nicht klargemacht werde, um welchen Preis – „das schlägt dann bei der AK, beim VKI auf“. Der Kunde sei gut beraten, nach Abschluss der Versicherung ganz einfach durchzuhalten.

Schon Werterhaltung ist ein anspruchsvolles Unterfangen

Und: „Kapitalerhalt ist das Gebot der Stunde. Da muss ein Umdenken erfolgen.“ Schon Werterhaltung zu erzielen, sei angesichts der Zinssituation anspruchsvoll. Garantie und maximalen Ertrag, „das gibt ’s halt nicht“.

Miskarik zeigte sich „überzeugt, dass kein Risiko einzugehen, ein Risiko darstellt“. Ertrag zu erzielen und trotzdem auch „eine gewisse Garantie“ – das sei es, was die Sache kompliziert macht.

Immobilien kein Ertragsgarant

Ist Versicherung ein adäquates Mittel für die Altersvorsorge? Jeder habe seine eigenen Bedürfnisse, meinte dazu Frederik Fokkink, Geschäftsführer der S&S Versicherungsmakler GmbH. Er sieht die Wahl des Vorsorgeinstruments deshalb als individuelle Entscheidung, die vom Kunden abhängt.

In Bezug auf Immobilien gab Fokkink aber zu bedenken, dass Immobilien „nie ein garantiertes Einkommen abwerfen“ würden, zumal es Leerstand geben oder Renovierungen erforderlich werden können. „Das müssen wir bei der Bedürfniserhebung abbilden.“

Fokkink wies auch auf ein Ergebnis aus der kurz zuvor präsentierten „Potenzialstudie“ hin, wonach ein Großteil der Befragten auf eine garantierte Rente Wert lege (VersicherungsJournal 3.9.2019).

Steueranreize für die eigene Vorsorge? Ein Ja mit Aber.

Wären Steueranreize aus Sicht des Konsumentenschutzes ein gangbarer Weg, die zweite und dritte Säule zu unterstützen? Ja, meinte Weiß, „wenn es sich lohnt, das Produkt zu fördern“.

Voraussetzung dafür, überhaupt erst über die Förderung eines Versicherungsprodukts nachzudenken, wäre, dass es einfach und transparent sowie mit „vernünftigen“ Kosten und einer garantierten Rente ausgestattet ist.

Wenn jedoch nicht einmal eine Kapitalgarantie gegeben werde, „dann spricht nichts für eine Förderung“. Nachdem in der Vergangenheit „Produkte nicht geliefert haben“, sei das Vertrauen „nicht mehr ganz so da“, sagte Weiß.

Nicht mit Angstmacherei arbeiten

Einen „Schulterschluss“ der drei Säulen befürwortete sich grundsätzlich. Sie wünsche sich aber, dass nicht mit „Angstmacherei“ gearbeitet werde.

Eine solche führe dazu, dass sich die Menschen sagen: „Das kann ich mir nicht leisten, ich beschäftige mich erst gar nicht damit.“ Es sei zu Rückkäufen gekommen, „weil das Produkt nicht gepasst hat oder der Kunde finanziell überfordert war“.

Überhaupt glaubt Weiß, dass diejenigen, die mit einer tatsächlichen Pensionslücken konfrontiert sind, „sich ’s nicht leisten können“, sie mit privater Vorsorge zu schließen. Sowohl in der Alters- als auch in der Pflegevorsorge stünden Kunden vor dem Problem, die Thematik erfassen und die finanziellen Mittel aufbringen zu können.

99 Prozent der AK-Kritik richteten sich nicht an Makler, fügte Weiß hinzu, sondern hätten mit Erfahrungen zu tun gehabt, die mit Strukturvertrieben gemacht worden seien.

„Das kostet den Kunden wirklich Geld“

Miskarik bekräftigte seinen Wunsch, „dass wir an einem Strang ziehen“. Wenn etwa auf der einen Seite ein Minister sage, dass „kein Handlungsbedarf“ bestehe, und der Berater seinem Kunden auf der anderen Seite sage, dass es Handlungsbedarf gebe, „dann kennt sich der Kunde nicht mehr aus“.

Selbst wenn das vollständige Schließen einer Pensionslücke für einen Kunden nicht zu schaffen sein sollte, so werde es diesem doch guttun, wenn er 200 oder 200 Euro mehr zur Verfügung habe. Auch eine geringe Zusatzpension könne für Personen mit niedrigem Einkommen viel Geld bedeuten.

An die Politik richtete Miskarik einen Appell in puncto Besteuerung: In einer Zeit des Nullzinses müsse man überdenken, ob vier beziehungsweise elf Prozent Versicherungssteuer noch zeitgemäß und adäquat sind. „Das kostet den Kunden wirklich Geld.“

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