Versicherungsbetrug verursacht „bilanzrelevante“ Schäden

5.4.2019 – Versicherungsbetrug nimmt zu, die Täter werden immer professioneller und die Schäden sind durchaus „bilanzrelevant“. Dennoch gebe es vor allem in österreichischen Versicherungsunternehmen Mängel bei der Betrugsprävention. Wichtig seien „Zero Tolerance“, das Commitment der Unternehmensleitung zum Betrugsmanagement und der Einsatz modernster Technologie, sagt der ehemalige Kriminalbeamte und nunmehrige Experte für Fraud Risk Management Roland B. Wörner.

Betrugsexperte Roland B. Wörner (Bild: Peter Winkler)
Betrugsexperte Roland B. Wörner
(Bild: Peter Winkler)

„Betrug gibt es seit Bestehen des Versicherungswesens.“

Das sagte der Betrugsexperte und gelernte Kriminalist Roland B. Wörner bei einer Veranstaltung der Faircheck Schadenservice GmbH am Donnerstag.

Wörner war als Kriminalbeamter für das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) unter anderem in Peru und Kolumbien tätig, ehe er in die Versicherungsbranche wechselte, wo er für große Konzerne im Betrugsmanagement arbeitete. Seit 2016 ist er mit seiner WoernerConsult GmbH beratend tätig.

Woran Betrugsprävention oft scheitert

„Zahlen schafft Frieden“ – auf diesen einfachen Nenner lassen sich die Argumente gegen Betrugsprävention in Versicherungen bringen, so Wörner. Häufig werde Betrug in der Branche als „rein kalkulatorischer Faktor“ gesehen.

Einwände gebe es unter anderem vonseiten des Vertriebs: Betrugsprävention störe das Geschäft, sie verschrecke Kunden, diese würden unter einen Generalverdacht gestellt. Wörner hält dem entgegen, dass Prävention dem ehrlichen Kunden signalisiere, dass auf sein Geld geachtet wird.

Auch würden Prozessabläufe gestört, weil Betrugsprävention es notwendig mache, mehr Fragen zu stellen. Und sie verursache Kosten für Experten, Weiterbildung und technische Unterstützung. Schließlich gebe es auch das Argument, sie wäre eigentlich Aufgabe der Ermittlungsbehörden.

Viele Betrugsfälle, hohe Dunkelziffer

Verluste, die durch Betrug entstehen, seien aber „bilanzrelevant“, betont Wörner. So gehe man davon aus, dass es sich spartenübergreifend bei zehn Prozent der Schadenfälle um Betrug handle; in der Privathaftpflicht liege der vermutete Betrug sogar bei 50 Prozent.

Dass diese Zahlen in den Kriminalstatistiken nicht aufscheinen, liege auch daran, dass Betrug oft nicht angezeigt werde. Die Dunkelziffer sei hoch, so Wörner.

Roland B. Wörner bei einer Veranstaltung von Faircheck (Bild: Peter Winkler)
Roland B. Wörner bei einer Veranstaltung von
Faircheck (Bild: Peter Winkler)

„Definitiv“ gebe es keinen Rückgang beim Versicherungsbetrug. Sowohl Häufigkeitszahl als auch Komplexität seien im Steigen begriffen.

Denn auch Betrüger würden sich weiterbilden und moderne Technik benutzen, beispielsweise bei der Manipulation von Fotos. Auch der „Betrug ohne Grenzen“ nehme zu.

Erschreckende Beispiele

Wörner kennt aus seiner Praxis eine Unzahl von Betrugsfällen. Den Sozialhilfeempfänger beispielsweise, der 237 Fälle von Leitungswasserschaden gemeldet hat, oder den „Einbruchsservice“, der für einen gestellten Einbruch zuerst teure Einrichtungsgegenstände liefert und fotografiert, bevor sie angeblich bei einem Einbruch wieder verschwinden.

Viel schlimmer sind aber Fälle organisierter Kriminalität. So gebe es in Brasilien organisierte Arbeitsunfälle, bei denen Menschen beispielsweise eine Hand verlieren. Später werden sie gezwungen, auch Verwandte als „Opfer“ zu organisieren.

Oder Italien: Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen wollen, machen mit einem Arzt gemeinsame Sache und „verlieren“ das Kind bei einem (natürlich gestellten) Autounfall.

Situation in Österreich

Speziell in Österreich gebe es in der Betrugsprävention „Luft nach oben“, vor allem bei den Maßnahmen, die umzusetzen sind, sagt Wörner. Und er untermauert das auch mit Zahlen.

Zwar würden drei Viertel der Versicherungsunternehmen zumindest über eine grundlegende interne Betrugsdefinition verfügen, allerdings sei diese nur bei der Hälfte umsetzbar und kommunizierbar.

Dazu komme, dass die Hälfte der „Betrugsspezialisten“ in österreichischen Versicherungen keine Spezialisierung durch Aus- und Weiterbildung aufweisen würden.

Wörner kritisiert auch, dass es nur bei 50 Prozent der erkannten Betrugsfälle eine Rückmeldung an Underwriting und Vertrieb gebe. Und nur in 63 Prozent erfolge eine Kennzeichnung Beteiligter in unternehmensinternen Datenbanken; das hänge aber auch mit Datenschutzproblemen zusammen.

Wie Anti Fraud Management funktioniert

Anti Fraud Management (AFM) müsse integrativer Bestandteil eines wirksamen Risk- und Claims-Managements sein. Wichtig sei vor allem, dass das Top-Management überzeugend hinter dem AFM steht, das Teil der Unternehmensstrategie sein müsse.

Wichtig seien auch eine klare Zielsetzung und die Integration in den Businessplan des Unternehmens. Entscheidend für ein funktionierendes Betrugsmanagement sei „Zero Tolerance“, es dürfe keine betragsmäßige Untergrenze für Betrug geben. Das Thema Kulanz sei deshalb aber „nicht weg“.

Und schließlich seien „exzellente Fachkräfte“ und der Einsatz neuester Technologien – inklusive künstlicher Intelligenz, Machine Learning und Datenanalyse – nötig.

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