Niedrigzins: Gewinner, Verlierer, Scherbenhaufen und „Schuldige“

13.11.2019 – Der Niedrigzins macht Versicherern keine Freude, betonte Donau-Chef Ralph Müller bei einer FMVÖ-Diskussion. Er sorgt sich, dass die heute verfolgte Politik stark zu Lasten der nächsten Generation gehen könnte. Der frühere OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny betonte, das Niedrigzinsumfeld sei eine Folge verschiedener gesamtwirtschaftlicher Aspekte. Die Notenbankpolitik sei zwar ebenfalls ein Faktor, Nowotny verteidigte sie aber, weil es ihr Ziel gewesen sei, eine zu starke Inflation zu verhindern – die sei nämlich „der größte Feind von Sparvermögen“.

Japan gilt als Paradebeispiel für eine Wirtschaft, die von einer dauerhaften Niedrigzinsphase getroffen wurde. Eingesetzt hatte sie dort Anfang der 1990er-Jahre.

Seit Europa nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 dasselbe erlebte und immer noch erlebt, wurden die Blicke denn auch immer wieder in den Fernen Osten gerichtet, der damit schon frühzeitig Erfahrung gemacht hatte.

Vor diesem Hintergrund hat der Finanz-Marketing Verband Österreich (FMVÖ) am Montagabend zu einer Vortrags- und Diskussionsrunde in die Wiener Hofburg geladen.

Gewinner und Verlierer

Unter den Referenten: Hajime Takata, Chief Economist der Mizuho Bank und Vice-Chairman des Mizuho Research Institute in Tokio. Er berichtete, mit welchen Herausforderungen der japanische Finanzsektor konfrontiert wurde und welche Maßnahmen erdacht wurden.

Wer gewinnt, wer verliert durch die Niedrigzinsphase? In erster Linie Regierung und Unternehmen, sagte Takata. Verlierer seien in erster Linie Banken sowie Versicherungs- und Pensionsfonds und auch Haushalte.

Takata bezeichnete den Niedrigzins als „eine Art geheime Steuer“, eine „Negativsteuer“ für den Finanzsektor und die Haushalte und skizzierte die dreiteilige Gegenstrategie: Fokus auf längere und „ultralange“ Laufzeiten, Diversifizierung der Investmentarten und (Investment-)Ausdehnung in andere Märkte.

Gemisch aus Ursachen für die Niedrigzinsphase

Ewald Nowotny, früherer Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), identifizierte zwei Faktoren, die die Niedrigzinsentwicklung angetrieben haben.

Die Notenbankpolitik sei zwar einer davon. Aber: Es sei wichtig zu sehen, dass sich der Niedrigzins aus gesamtwirtschaftlichen Gesichtspunkten heraus ergebe.

Zu Letzteren gehörten ein weltweiter Ersparnisüberschuss, die demographische Entwicklung, eine – etwa in China – nicht ausreichend effiziente Altersvorsorge und eine Tendenz zu einer „ungleicheren“ Einkommensentwicklung.

„Höhere Kreditqualität“ als positiver Effekte für Banken

Andererseits seien neue Technologien Treiber eines „kapitalsparenden Fortschritts“. Das wiederum bedeute weniger Nachfrage nach Kapital – während zugleich, siehe oben, das Angebot an Kapital steigt. Resultat sei das Niedrigzinsumfeld.

Nowotny unterstrich auch, für Banken habe das Niedrigzinsumfeld auch positive Seiten: Indem es den Unternehmen zugutekomme, Wachstum und Beschäftigung fördere, erhöhe es die Kreditqualität.

Dies führe für die Kreditinstitute zu einem geringeren Wertberichtigungsbedarf und einem „gewaltigen Effekt“ auf die Gewinnentwicklung.

Es könnte ein „ordentlicher Scherbenhaufen“ werden

Ralph Müller, Generaldirektor der Donau Versicherung AG, stieg mit einer nicht ganz unerwarteten Feststellung in die Diskussion ein: „Als Versicherungsunternehmen mögen wir die Niedrigzinsen nicht.“ Gleichwohl stelle man sich darauf ein, dass diese Phase weiter anhält.

Sorgen bereitet Müller die „Gesamtsicht auf die Entwicklung“. Er fürchtet, dass wir in den nächsten Jahrzehnten „einen ordentlichen Scherbenhaufen hinterlassen könnten“, nicht nur in puncto Umwelt und Klima, sondern auch, wenn „wir die Sparkonten unserer Kinder plündern“.

Denn: Nach einer alten Weisheit gebe es eine Zeit zum Säen und eine zum Ernten. Das scheine heute aber ins Gegenteil verkehrt, nach dem Motto: Man erntet heute, und später muss jemand die Zeche dafür zahlen.

Wohlhabende tun sich mit Niedrigzins leichter

Wohlhabende sieht Müller in einer besseren Ausgangsposition: Sie könnten besser mit niedrigen Zinsen umgehen, weil es ihnen möglich sei, auszuweichen und in Risiko zu gehen. „Junge, nicht Vermögende tun sich zunehmend schwer, Vermögen zu bilden und Eigentum zu kaufen.“

„Nicht gut“ findet Müller, dass der Niedrigzins „eine der größten Umverteilungen“ von Privat zu Staat sei. Zwar könnte man dies noch nachvollziehen, wenn sie für „sinnvolle Investitionen“ und die Haushaltssanierung genutzt wird. Allerdings gebe es Länder in der Eurozone, in denen es an entsprechenden Signalen fehle.

„Der größte Feind von Sparvermögen ist Inflation“

Nowotny wollte das Argument, dass der Niedrigzins Spareinlagen quasi „raube“, nicht unwidersprochen stehen lassen.

Ja, ertragreich ansparen könne man so zwar nicht, räumte er ein. „Aber der größte Feind von Sparvermögen ist Inflation,“ betonte Nowotny. Und die gefahrene Politik habe gerade den Zweck gehabt, eine übermäßige Inflation zu verhindern.

Sicher, in früheren Jahren habe man deutlich höhere Zinsen auf Sparbucheinlagen bekommen können, ebenso sei aber früher die Inflation auch schon deutlich höher gewesen als die Zinsen.

Die Situation sei also nicht neu – wenn auch offensichtlicher, weil sie sich heute viel näher am Nullpunkt abspielt.

Verlagerung zur Biometrie

Müller merkte an, dass der Druck, unter dem die Lebensversicherung angesichts der Zinslage steht, viele Anbieter dazu veranlasst habe, die klassische Lebensversicherung aufzugeben. Manche böten sie dank ihrer Finanzstärke noch an.

Die Folge sei, dass die Versicherer versuchen, stärker auf das Risikoergebnis zu achten und sich stärker in der biometrischen Versicherung zu engagieren.

Müller erwartet, dass die Gewinnbeteiligungen, die derzeit im Schnitt bei etwa 2,5 Prozent lägen, sichtlich nach unten gehen werden. Das verändere letztlich auch die Beratung – wenn man dem Kunden nämlich klarmachen müsse, dass selbst nach langjährigem Ansparen schon allein der Erhalt des Angesparten einen Wert hat.

Nowotnys Empfehlung an Lagarde

Der Anfang November ins Amt gekommenen neuen Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, würde Ex-OeNB-Gouverneur Nowotny nicht empfehlen, sich an der sogenannten Modern Monetary Theory (MMT) zu orientieren.

Anders als in Japan gebe es für Euro-Staaten nicht die Möglichkeit, sich durch die Notenbank finanzieren zu lassen – weshalb als Konsequenz dessen im Zuge der Krise auch der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) geschaffen worden sei, wie Nowotny nebenbei bemerkte.

Die Möglichkeiten der öffentlichen Verschuldung seien also wesentlich geringer als etwa in Japan oder den USA. Nowotny plädierte deshalb für eine „konservative Budgetpolitik“.

Es sei nämlich nicht gut, wenn der Staat von externer Finanzierung und externen Ratings abhängig sei – im Gegensatz zu Staaten, die direkten Zugang zur Notenbank haben.

Leserbriefe zum Artikel:

Rudolf Mittendorfer - Scherbenhaufen ist noch ein gelinder Ausdruck. mehr ...

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Altersvorsorge · Darlehen · Lebensversicherung · Marketing · Pensionsfonds · Rating
 
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