Megatrends sind auch Mega-Herausforderungen für Versicherer

24.11.2022 – Kurzfristig wird sich die Inflation am stärksten auf Versicherungen auswirken, Prämien und Leistungen für Schäden werden steigen, Berater müssen eine Stornowelle verhindern. Größere Schäden sind auch durch den Klimawandel zu erwarten, die aktuelle Situation einer drohenden Rezession bremst aber den Trend zu nachhaltigem Agieren. Längerfristig stellt der drohende Arbeitskräftemangel eine Herausforderung für alle Marktteilnehmer dar. Vor allem im Vertrieb könnte es zu einem „War-for-Talents“ kommen.

Titelblatt der Studie (Quelle: Telemark Marketing/FMVÖ)
Studie „Wert der Veränderungen – reloaded“
(Cover; Quelle: Telemark Marketing/FMVÖ)

Zwölf Vorstände der 14 größten in Österreich tätigen Versicherungsgesellschaften hat die Telemark Marketing Gebhard Zuber GmbH für ihre Studie „Wert der Veränderungen – reloaded“ über ihre Erwartungen für die Zukunft der Branche befragt.

Neben der Digitalisierung, die durch die Pandemie einen kräftigen Schub erhalten hat (VersicherungsJournal 23.11.2022), hätten diese Experten Inflation, Klimawandel und Arbeitskräftemangel als Megatrends für die Versicherungsbranche thematisiert.

Der zweite Teil der Studie, die von Robert Sobotka, Telemark-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des Finanz-Marketing Verbandes FMVÖ, präsentiert wurde, beschäftigt sich mit diesen Trends, mit denen Versicherungen in den nächsten Jahren konfrontiert sein werden.

Inflation trifft Versicherer stark

Kurzfristig am stärksten auf Versicherungen werde sich die steigende Inflation auswirken, erwarten die Versicherungsvorstände. Realeinkommen werden sinken, der Durchschnittsösterreicher werde sparen müssen und seine laufenden Kosten hinterfragen, so Sobotka.

Da die meisten Versicherungsverträge indexiert seien, würden auch die Prämieneinnahmen kurzfristig steigen. Dem stehe allerdings die Schadeninflation gegenüber, da auch die Kosten für Leistungen im Schadenfall steigen.

Da Schadenfälle den Prämienzahlungen aber zeitlich nachgelagert sind, könnte es zu einer Überkompensation der Inflation durch die höheren Prämieneinnahmen kommen. Allerdings seien sich die befragten Vorstände in diesem Punkt nicht einig.

Wenige Auswirkungen dürfte die Verschiebung von größeren Anschaffungen auf die Versicherungsbranche haben: in diesem Fall würden beispielsweise bestehende Fahrzeuge oder Wohnungen weiter genutzt werden und die alten Verträge weiterlaufen.

Größere Auswirkungen auf Lebensversicherung

Betroffen sein dürften vor allem Lebens- und Vorsorgeprodukte. Bei ihnen seien die monatlichen Prämien am höchsten und der Leistungsfall zeitlich meist weit entfernt; daher würden diese Produkte eine einfache Möglichkeit bieten, Fixkosten zu reduzieren.

Berater seien daher gefragt, eine Stornowelle zu verhindern; sie sollten temporäre Prämienreduktionen oder -freistellungen anbieten. Dennoch werde es schwierig sein, einen Rückgang der Prämieneinnahmen von Lebensversicherungen zu verhindern.

Vor allem im Neugeschäft der Lebensversicherungssparte zeichne sich die Verunsicherung der Kunden bereits ab, angebahnte Abschlüsse würden sich derzeit verzögern.

Bei Personen- und Sachversicherungen sei zu erwarten, dass Kunden versuchen werden, ihre Ausgaben zu optimieren. Einige Experten erwarten deshalb, dass Vergleichsplattformen im Neugeschäft an Bedeutung gewinnen werden, das Bestandsgeschäft sollte weniger betroffen sein.

Klimawandel macht Prognosen schwieriger

Durch den Klimawandel treten Naturkatastrophen überraschender auf als früher und verursachen größere Schäden. Dies mache Prognosen der Schäden und damit auch die Prämienberechnung schwieriger, heißt es in der Studie.

Die höheren Risiken würden auch die Gefahr der Unterversicherung bergen; Berater seien gefordert, ihre Kunden auf Vertragsanpassungen hinzuweisen. Es sei allerdings fraglich, ob sich alle Kunden eine umfassende Absicherung leisten können.

Vor allem in Risikolagen könne es nicht mehr versicherbare Risiken geben oder zumindest deutlich höhere Prämien; eine mögliche Selektion von Risiken würde aber ein Abgehen vom Gedanken der Risikogemeinschaft bedeuten, so Sobotka.

Gleichzeitig könne der Klimawandel für die Branche aber auch eine Geschäftschance darstellen: Denkbar sei eine imagemäßige Rückpositionierung auf grundlegende Werte wie Schutz und Sicherheit. Und auch eine gesetzliche Pflichtversicherung wird von einigen Experten angesprochen.

Trend zur Nachhaltigkeit derzeit gebremst

War in der vorangegangenen Studie eine nachhaltige Ausrichtung der Versicherungsgesellschaften noch als wichtigster Trend gesehen worden, so scheine dieser nun gebremst: Es stelle sich die Frage, ob man sich Nachhaltigkeit in Zeiten der Energiekrise und einer drohenden Rezession leisten kann.

Dazu würden die Meinungen aber auseinandergehen, so Sobotka. Sicher sei allerdings, dass in den Vorstandsetagen der Versicherungsgesellschaften über das Thema Nachhaltigkeit und die Anwendung von ESG-Kriterien intensiv nachgedacht werde.

Kunden würden Nachhaltigkeit dagegen „überhaupt nicht“ mit Versicherung assoziieren, so Sobotka; Ausnahme seien höchstens „grüne“ Fonds. Langfristig werde sich dies aber wohl ändern.

Arbeitsmarktlücke im Vertrieb

Nicht alle befragten Vorstände hätten die Arbeitskräfteproblematik thematisiert; vermutlich sei diese daher in einigen Gesellschaften noch nicht bedrohlich, so Sobotka. Mittelfristig sei aber zu erwarten, dass der Arbeitskräftemangel alle Marktteilnehmer betreffen wird.

Schon vor der Pandemie sei es schwierig gewesen, junge Mitarbeiter für den Versicherungsverkauf zu finden; die derzeitige Situation verschärfe die Problematik noch. In allen Branchen werden derzeit qualifizierte Mitarbeiter gesucht, es herrsche ein „War-for-Talents“ auch zwischen den Branchen.

Vor allem die Altersstruktur im Vertrieb bereite Sorgen; Makler und Außendienstmitarbeiter haben ein hohes Durchschnittsalter, eine Pensionierungswelle steht bevor. Angesichts dessen stelle sich die Frage, wer in Zukunft Versicherungskunden persönlich betreuen wird.

Imageproblem

Das Hauptproblem sei, dass die Versicherungsbranche ein nur wenig attraktives Berufsbild besitze. Notwendig sei es daher, das Image der Branche bzw. das Image des Versicherungsberaters attraktiver zu positionieren; „Employer Branding“ allein sei zu wenig, betont Sobotka.

Die Zukunft werde vermutlich einen Kampf um die wenigen qualifizierten Bewerber bringen, heißt es in der Studie. Gelinge es, solche Mitarbeiter zu finden, stelle sich aber die Frage, ob diese langfristig gehalten werden können.

Durch die vermehrte Homeoffice-Tätigkeit dürfte nämlich auch die Bindung zum Unternehmen sinken. Andererseits sei es heute Voraussetzung, auch Homeoffice-Möglichkeiten zu bieten, vor allem jüngere Bewerber erwarten das. Hier sei auch die Konkurrenz durch andere Branchen stark.

Weiterführende Informationen

Die Studie „Wert der Veränderungen – reloaded“ kann von der Website von Telemark Marketing als PDF-Dokument (887 KB) heruntergeladen werden.

 
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