Krank – und trotzdem am Arbeitsplatz

26.11.2018 – Aus Pflichtgefühl gegenüber Kollegen und Unternehmen, aber auch um allfällige befürchtete Nachteile zu vermeiden, wird oft einmal weitergearbeitet und auf Medikamente und „Durchhalten“ gesetzt, statt gleich in den Krankenstand zu gehen, besagt eine neue Studie. Die oberösterreichische Arbeiterkammer warnt angesichts dessen vor Konsequenzen wie längeren Folgeerkrankungen, Rückfällen und chronischen Erkrankungen.

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Arbeiten trotz Krankheit? Die Arbeiterkammer Oberösterreich (AKOÖ) und die Johannes-Kepler-Universität Linz haben (JKU) am Freitag Ergebnisse aus einer Studie vorgestellt, die sich mit diesem als „Präsentismus“ bezeichneten Phänomen auseinandersetzt, und nicht zuletzt sogar für die Frage der Berufsunfähigkeit von Relevanz sein können.

Das Forschungsinteresse sei in den letzten Jahren stark gestiegen, was „mit der Zunahme von Burnout-Symptomen sowie physischer und psychischer Gesundheitsbeeinträchtigungen ebenso zusammen[hängt] wie mit abnehmender Arbeitszufriedenheit“.

Diverse Studien legten nahe, so heißt es weiter, dass das Arbeiten trotz Erkrankung im Vergleich zu Krankenständen höhere individuelle und betriebliche Kosten zur Folge habe. Die Schätzungen schwanken laut AKOÖ zwischen 1,8- und zehnfach höheren Kosten.

AK: Anwesenheit lässt nicht zwangsläufig auf Fitness schließen

Für die JKU-Studie wurden 411 nicht-selbstständig Erwerbstätige aus einer Zufallsstichprobe von AK-Mitgliedern befragt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Krankheitstag am Arbeitsplatz verbracht wird, liegt der Untersuchung zufolge bei 52,2 Prozent. „Aus der Anwesenheit der Beschäftigten zu schließen, dass im Betrieb alle fit und produktiv sind, kann sich daher als großer Irrtum erweisen“, so die AKOÖ.

Neben den gesundheitlichen Folgen wie einer längerem Folgeerkrankung, eines Rückfalls oder chronischer Erkrankung statt Heilung gehe aus den Daten hervor, dass auch die Arbeitszufriedenheit direkt damit verbunden ist.

Medikamente und „Durchtauchen“ bis zum nächsten freien Tag

Jeder Zweite hat vergangenes Jahr Medikamente eingenommen, um arbeiten zu können. Medikamente würden allerdings häufig nicht die nötige Schonung ersetzen, betont die AK und führt zudem Nebenwirkungen ins Treffen.

„All das kann die Konzentration schwächen und die Fehlerhäufigkeit erhöhen – bis hin zur erhöhten Unfallgefahr.“ Es wäre oft besser, sich auszukurieren, folgert die Arbeiterkammer. Gerade damit warten aber 46 Prozent der Befragten oft oder manchmal bis zum nächsten freien Tag.

Mehr als 13 Prozent ignorieren oft oder manchmal eine ärztliche Krankschreibung und kommen zur Arbeit. Etwa jeder Achte gab an, bei Krankheit manchmal zuhause weiterzuarbeiten.

Wie oft Beschäftigte im Krankheitsfall welches Verhalten gezeigt haben (Grafik: AKOÖ)
Zum Vergrößern Grafik anklicken (Quelle: Arbeiterkammer Oberösterreich)

Krank arbeiten aus Pflichtgefühl und zur Vermeidung von Nachteilen

Was sind die Gründe für „Präsentismus“? Am häufigsten sei es Rücksicht auf die Kollegen, die man nicht hängen lassen will. Allerdings birgt das gerade auch die Gefahr, Kollegen anzustecken.

An zweiter Stelle folge das Argument, die Beschwerden seien nicht so schwerwiegend, als dass nicht gearbeitet werden könnte. Dritthäufigstes Motiv sei das Gefühl, gegenüber dem Betrieb verpflichtet zu sein oder damit die Karriere zu fördern.

„Auffallend“ sei, dass bei denjenigen, die tatsächlich am häufigsten erkrankt arbeiten, die sogenannten Vermeidungsmotive überwögen: Sie führen die „Angst vor übler Nachrede, Nachteilen, einem schlechten Eindruck bei Vorgesetzten oder sich rechtfertigen zu müssen“, als Gründe für ihr Verhalten an.

„Personen mit geringen Vermeidungsmotiven verbringen 46 Prozent ihrer Krankheitstage am Arbeitsplatz, jene mit hohen Vermeidungsmotiven sogar 69 Prozent“, stellt die AKOÖ fest.

Was Krankheit und was Gesundheit fördert

Sie zieht aus den Ergebnissen das Fazit, dass „in Betrieben mit gutem Betriebsklima, hoher Führungsqualität, angenehmem Umgang mit Kollegen und hohem Verantwortungsbewusstsein für die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter“ Beschäftigte seltener krank seien.

Andererseits seien Beschäftigte „in Betrieben mit hohem Druck, vielen Arbeitsstunden, hohen Verfügbarkeitsanforderungen und geringem Vertrauen in die Loyalität der Beschäftigten öfter krank und neigen auch vermehrt dazu, krank zur Arbeit zu gehen“.

AKOÖ-Präsident Johann Kalliauer: „Eine aktive Gesundheitsförderung, ein positiver Führungsstil und ein gutes Arbeitsklima helfen im Gegensatz zu restriktiven Krankenstandsregelungen, Krankenstände und Präsentismus zu reduzieren.“

Schlagwörter zu diesem Artikel
Berufsunfähigkeit · Gesundheitsreform · Mitarbeiter
 
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