Höhere Exportrisiken für heimische Unternehmer

11.9.2020 – Weltweit wird die Zahl der Firmenpleiten im heurigen Jahr um 26 Prozent steigen, erwartet der Kreditversicherer Atradius. Die stärkste Zunahme wird in der Türkei erwartet, aber auch die für Österreich wichtigsten Exportmärkte dürften starke Steigerungsraten bei den Insolvenzzahlen aufweisen. Im kommenden Jahr werde es in einigen Märkten zu einer Entspannung kommen, in anderen sei aber mit Nachholeffekten zu rechnen.

Mehr Firmenpleiten als die große Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 werde die Corona-Pandemie verursachen. Das erwartet die Atradius Kreditversicherung in ihrer Insolvenzvorschau für das heurige Jahr.

Firmeninsolvenzen werden 2020 global vermutlich um rund 26 Prozent ansteigen, weil die Weltwirtschaft durch Corona in eine Rezession falle: Für das globale Bruttosozialprodukt erwarten die Atradius-Experten einen Rückgang um 4,5 Prozent im Vorjahresvergleich.

Insolvenzzahlen würden in allen Märkten zunehmen; Die Implementierung von Hilfsmaßnahmen sowie die Aussetzung von Insolvenzverfahren könnten in einigen Ländern aber die Steigerung begrenzen.

Wo die Insolvenzzahlen am stärksten steigen werden

Vor allem Dauer und Strenge der Lockdown-Maßnahmen seien entscheidend für das Ausmaß der ökonomischen Kontraktion. Daneben würden aber Länder, die in großem Maß vom Tourismus abhängen, stärker unter der aktuellen Krise leiden.

Weltweit seien die größten Steigerungsraten bei Insolvenzen heuer in der Türkei mit 41 Prozent gegenüber 2019 zu erwarten. Dahinter folgen die Vereinigten Staaten und Hong Kong mit jeweils 39 Prozent.

In Europa sollen laut Atradius Portugal mit einer Zunahme der Pleiten um 36 Prozent, Russland mit plus 35 Prozent und die Niederlande mit plus 34 Prozent am stärksten betroffen sein. Am besten dürfte Deutschland mit „nur“ sechs Prozent mehr Insolvenzen als 2019 abschneiden.

2021 auch wieder Rückgänge

Für das kommende Jahr erwartet Atradius eine unterschiedliche Entwicklung. Vor allem in Ländern, in denen die Verpflichtung zur Anmeldung von Insolvenzen heuer ausgesetzt wurde, werde es zu einem zeitlich verzögerten Anstieg kommen.

Aus diesem Grund werden 2021 die größten Steigerungsraten gegenüber der Vorjahresperiode in Spanien (+44 Prozent), Australien (+34 Prozent), Kanada und Frankreich (jeweils +22 Prozent) sowie in der Schweiz (+14 Prozent) erwartet.

Auslöser von steigenden Insolvenzzahlen könne aber auch sein, dass Länder, die heuer einen geringeren Rückgang der Wirtschaftsleistung erlitten haben, im nächsten Jahr einen vergleichsweise schwächeren Aufschwung verzeichnen werden; dies treffe beispielsweise auf Schweden und die Niederlande zu.

Andererseits dürfte sich laut Atradius in vielen Ländern die Lage im kommenden Jahr entspannen. So wird 2021 in Griechenland ein Rückgang der Insolvenzzahlen gegenüber heuer um 25 Prozent erwartet. Deutlich weniger Pleiten soll es auch in Tschechien (-17 Prozent), Neuseeland (-14 Prozent) und Portugal (-12 Prozent) geben.

Österreichs wichtigste Exportmärkte

Die Unsicherheiten im Exportgeschäft seien bereits jetzt so groß wie seit Jahrzehnten nicht mehr, sagt Franz Maier, Atradius-Generaldirektor für Österreich, Ungarn und Südosteuropa.

Während Österreichs wichtigster Handelspartner Deutschland vergleichsweise gut dasteht – heuer wird dort ein Anstieg der Insolvenzen um sechs Prozent, 2021 dann ein Rückgang um fünf Prozent erwartet – sieht die Lage in einigen anderen wichtigen Exportmärkten weniger gut aus.

Im zweitwichtigsten Exportmarkt USA soll die Zunahme wie erwähnt heuer 39 Prozent betragen. Steigerungsraten seien auch in Italien (Exportmarkt Nummer drei) mit 17 Prozent, der Schweiz (Nummer vier) mit acht Prozent und Frankreich (Nummer fünf) mit 15 Prozent zu erwarten.

Aber auch bei weiteren wichtigen Außenhandelspartnern Österreichs wie Belgien und Spanien könne es 2020 und 2021 zu Rekordzahlen bei Firmenpleiten kommen, warnt Atradius. Für Spanien werden allein heuer doppelt so viele Insolvenzen erwartet wie in den Krisenjahren 2008 und 2009.

Die Situation in Österreich

Die Lage in Österreich selbst sieht laut Atradius etwas besser aus. Für heuer rechnet der Kreditversicherer hierzulande mit einem Plus bei den Insolvenzzahlen um elf Prozent, im kommenden Jahr aber wieder mit einem Rückgang um acht Prozent gegenüber 2020.

Zu den Gründen dafür zähle, dass Österreichs Abhängigkeit vom Tourismus vergleichsweise niedriger sei als in Südeuropa, die Eingrenzung neuer Infektionen besser gelungen sei und die Wirtschaft sich besser an die Restriktionen des „Social distancing“ anpassen habe können.

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