FMA-Analyse: Branche unter Anpassungsdruck

6.2.2020 – Im Prinzip sieht man der Digitalisierung im österreichischen Finanzmarkt positiv entgegen, Anpassungsdruck gibt es freilich trotzdem – so der Tenor einer Auswertung von Stellungnahmen, die Marktakteure bei der FMA eingereicht haben. Betroffen wären unter anderem Schadenabwicklung und „maßgeschneiderte“ Versicherungen – und das Privatkunden- deutlich früher als das Firmenkundengeschäft.

Im Juli 2019 hatte die Finanzmarktaufsicht (FMA) eine Analyse zum Stand der Digitalisierung im österreichischen Finanzmarkt publiziert (VersicherungsJournal 11.7.2019).

Die Behörde wollte das 68-seitige Dokument nicht als abschließendes Werk, sondern als Auftakt für eine „intensive Diskussion zum digitalen Wandel“ verstanden wissen. Sie verknüpfte die Veröffentlichung denn auch mit einem Aufruf, sich daran zu beteiligen und zur Studie zu äußern.

Elf Marktteilnehmer sind ihm gefolgt, wie die FMA nun berichtet. Das Ergebnis hat sie am Mittwoch bekanntgegeben. Wie sie schreibt, werden ihre Schlussfolgerungen „hinsichtlich der Implikationen der Digitalisierung von den teilnehmenden Stakeholdern grundsätzlich geteilt und bekräftigt“.

Grundsätzlich zuversichtlich

Der Auswertung zufolge herrscht, wie schon in der 2019er-Studie berichtet, im Allgemeinen Zuversicht: „Insgesamt werden die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Finanzmarkt positiv eingeschätzt“, fasst die FMA das Stimmungsbild zusammen.

Besonders starker Einfluss werde der Digitalisierung beigemessen, wenn es um weniger beratungsintensive Produkte und Services geht. Das betrifft vor allem den Zahlungsverkehr, aber etwa auch „maßgeschneiderte Versicherungsprodukte“, die „zunehmend digitalisiert [werden]“.

Insgesamt würden digitalisierungsbedingte Veränderungen im Privatkundengeschäft „deutlich früher“ als im Firmenkundengeschäft erwartet.

Disruption eher kein Schreckgespenst

Mit einer „Disruption im Kerngeschäft“ innerhalb der kommenden drei Jahre rechnet man unter den Betroffenen offenbar nicht so sehr: Das geltende regulatorische Korsett stehe dem entgegen, und in Unternehmen selbst gebe es Digitalisierungshürden aufgrund etablierter organisatorischer Strukturen. Weitere Bremsen: veraltete und fragmentierte IT und fehlende Schnittstellen.

Trotzdem: Als größtes Risiko bzw. Hindernis werde teilweise gesehen, dass die Trends der Digitalisierung nicht rechtzeitig oder gar nicht erkannt werden, berichtet die FMA. Zumal es durchaus Bereiche gibt, in denen die Marktteilnehmer disruptive Entwicklungen für denkbar halten.

Das könnten etwa Bereiche sein, in denen eine „große Anzahl an repetitiven Arbeitsschritten“ vorkommt, in denen die „Convenience“ für den Kunden durch die Digitalisierung „Qualitätssprünge“ macht oder in denen gewisse Geschäftsfelder aufgrund neuer Marktteilnehmer wegbrechen.

Anpassungsdruck durch neue Marktteilnehmer

Apropos neue Anbieter, Stichworte Fintechs und Insurtechs: Die neuen „digitalen Mitbewerber“ werden die bestehenden Unternehmen zu einer fortlaufenden Weiterentwicklung drängen, referiert die FMA die Einschätzung, die sich in den Stellungnahmen widerspiegelt.

Die größten Veränderungen würden „in den Bereichen Retail, Zahlungsverkehr, Anlageberatung und Self-Service (Abwicklung von Schäden, Einreichung von Leistungen)“ erwartet.

Kunden, die Produkte mehrerer Anbieter haben, könnten künftig mittels „Aggregatoren“ alle Verträge in einem Portal verwalten. Dies könnte es etwa Versicherern erschweren, „Kunden mit reinen Versicherungsthemen in den eigenen Portalen zu halten“, lautete ein weiterer geäußerter Aspekt.

Und: Auch der Vertrieb werde wohl durch Vergleichsportale und Nischenanbieter „in Bedrängnis kommen“.

Kooperation mit Fintechs, Konkurrenz mitunter „im eigenen Haus“

Was das Verhältnis zu den „Neuen“ angeht, so würden sie in erster Linie als Kooperationspartner betrachtet, von deren Innovationskraft man profitieren könne. Offenbar ist das Interesse gegenseitig: „Viele der neuen Player suchen die Kooperation mit etablierten Playern, um von deren Marktzugang zu profitieren.“

Ebenfalls aufgeworfen wurde in den eingegangenen Stellungnahme folgender Punkt: Vernachlässigt werde nämlich beispielsweise, „dass Versicherungen Wettbewerb im eigenen Haus drohe, da Rückversicherer mitunter die Hauptfinanziers der Start-up-Szene seien und zahlreiche Kooperationen mit Fintechs/Insurtechs unterhielten“.

Aufsicht soll gleiche Marktbedingungen für alle gewährleisten

Und welche Erwartungen werden an die Aufsicht gestellt? Sie soll den Finanzplatz „als Ganzes“ im Auge haben und ein „Level Playing Field“ für alle Marktteilnehmer sicherstellen – ohne dabei aber zum „Wettbewerbsregulierer“ zu werden.

„Die Transformation im Zuge der Digitalisierung sollte von der Aufsicht begleitet werden, um die Potenziale für beaufsichtigte Unternehmen im Rahmen der regulatorisch erforderlichen Grenzen auszuloten“, führt die FMA in dem Bericht als eine weitere Erwartung an.

Gefragt sei auch eine rasche Abklärung von Konzessionserfordernissen für Fintechs, die mit konzessionierten Unternehmen kooperieren wollen.

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Digitalisierung · Fintech · Insurtech · Versicherungsaufsicht
 
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