FMA: „Ambivalentes Gesamtbild“ der Versicherungswirtschaft

21.11.2022 – Auf der einen Seite Prämienzuwächse, auf der anderen Seite ein geschrumpftes verwaltetes Vermögen – das Bild von der Entwicklung der Branche ist zwiespältig, wie die FMA anlässlich der Veröffentlichung ihres Berichts zur „Lage der Versicherungswirtschaft“ festhält. Die Branche sei aber insgesamt gut kapitalisiert. Zudem steigere ein unsicheres Umfeld das Bedürfnis nach Sicherheit und damit nach Versicherungsschutz.

Ein „ambivalentes Gesamtbild“ gibt die Entwicklung der österreichischen Versicherungswirtschaft im Jahr 2022 aus Sicht der Finanzmarktaufsicht (FMA) ab. Sie hat am Freitag ihren diesjährigen „Bericht zur Lage der Versicherungswirtschaft“ veröffentlicht.

Die Auswirkungen des Ukraine-Krieges – Inflationsschub, extrem volatile Kapitalmärkte, Eintrübung der Konjunktur bis hin zu Rezessionsängsten – und die abrupte Zinswende haben massive Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft, stellt die FMA fest.

Rückgang des verwalteten Vermögens

So sei allein zwischen 1. Jänner und 30. Juli 2022 insbesondere wegen massiver Verluste auf den Kapitalmärkten das verwaltete Vermögen der Versicherungsunternehmen um neun Prozent auf rund 125 Milliarden Euro geschrumpft.

„Die Kurse vieler Aktien sind massiv gefallen, das niedrigverzinste Anleiheportfolio büßte angesichts steigender Zinsen signifikant an Wert ein. Im gleichen Zeitraum sind die Prämieneinnahmen aber um rund sieben Prozent gestiegen.“

„Gut kapitalisiert“

Die heimische Versicherungswirtschaft sei jedoch gut kapitalisiert, halten die beiden FMA-Vorstandsmitglieder Helmut Ettl und Eduard Müller fest.

„Zwei Drittel der Versicherungsunternehmen weisen einen Solvabilitätsgrad von über 200 Prozent aus“, so der Vorstand. Der Median beträgt laut dem Bericht 231 Prozent.

Diese zwei Drittel verfügen also über doppelt so hohe Eigenmittel wie vorgeschrieben, um etwaige negative Entwicklungen zu kompensieren.

Unsicherheit fördert „Bedürfnis nach Sicherheit“

Aktueller FMA-Bericht zur Lage der Versicherungswirtschaft (Cover; Quelle: FMA)
Aktueller FMA-Bericht zur Lage
der Versicherungswirtschaft
(Cover; Quelle: FMA)

„Unsichere Zeiten hinterlassen nicht nur tiefe Spuren bei den Finanz- und Kapitalanalgen der Assekuranzen, sie erhöhen gleichzeitig auch das Bedürfnis nach Sicherheit und damit Versicherungsschutz merklich“, meinen Ettl und Müller.

„Die steigenden Zinsen drücken zwar einerseits die Kurswerte des bestehenden Anleiheportfolios, sie attraktivieren aber gleichzeitig wieder das Geschäft mit den Lebensversicherungen als Anlageprodukt, das sehr zinssensibel ist.“

Risiko der Unterversicherung

Die hohe Inflation berge „vielfältige Implikation“ für die Versicherungsunternehmen, „so könnten z.B. inflationsbedingte Stornos, zu geringe Reserven für die Verpflichtungen oder vom Blickwinkel der Konsumenten aus gesehen die Gefahr einer Unterversicherung die Folge sein“, heißt es im Bericht.

In Bezug auf Letzteres rät die Behörde daher, „insbesondere in Zeiten hoher Inflation die Verträge von Zeit zu Zeit hinsichtlich einer notwendigen Anpassung des Umfangs der Versicherungsleistung zu überprüfen“.

Nachhaltigkeitsstrategien implementiert

In puncto Nachhaltigkeit habe die Analyse der Geschäftsmodelle gezeigt, dass alle Versicherungsunternehmen bereits Strategien implementiert haben, ihre Geschäftspolitik nach ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien auszurichten.

Der „klimarelevante Anteil“ an den Vermögenswerten der Versicherungsunternehmen mache „rund 21 Prozent“ des Gesamtportfolios aus und bestehe aus Investitionen überwiegend im Sektor Immobilien.

Klima-Stresstest

Der von der FMA durchgeführte „Klima-Stresstest“ 2022 attestiere den Versicherungsunternehmen auch eine „überdurchschnittlich hohe Resilienz in Bezug auf Nachhaltigkeitsrisiken“.

Das Szenario in dem Test: ein plötzlicher starker Anstieg von CO2-Preisen; es wurde unterstellt, dass der Preis für CO2-Emmissionen – im Hinblick auf verzögerte Maßnahmen zur Reduzierung von CO2-Emissionen – durch zusätzliche Abgaben erhöht wird.

„Die Ergebnisse dieses Stresstests zeigen, dass bei einem Anstieg der CO2-Preise bereits am 30.06.2022 mit Wertminderungen von 10,3% bei Staatsanleihen, 13,5% bei Unternehmensanleihen und 12,2% bei Aktien zu rechnen ist. Das Gesamtportfolio würde ca. 8,8% an Wert verlieren.“

Zum Herunterladen

Der 63-seitige „Bericht der FMA 2022 zur Lage der Versicherungswirtschaft“ kann als PDF-Dokument von der FMA-Website heruntergeladen werden.

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Immobilie · Konjunktur · Lebensversicherung · Nachhaltigkeit · Solvabilität · Strategie · Versicherungsaufsicht
 
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