Digitalisierung: Was Marktteilnehmer gerne reguliert hätten

7.2.2020 – Transparenz bei Algorithmen und Robo Advice, Skepsis gegenüber „zu viel“ Einsatz von Chatbots, Erleichterung durchgängig digitaler Geschäftsabwicklung, Zustimmung für eine Regulierung von Vergleichsplattformen, Kritik an „bloßer“ Digitalisierung bereits vorhandener Produkte und an Modularisierung, die den Kunden in Summe teurer kommt als ein bestehendes Produkt – das sind einige der Punkte, die Marktteilnehmer in einer FMA-Erhebung zum Thema Digitalisierung aufgeworfen haben.

Die Finanzmarktaufsicht (FMA) hat in den letzten Monaten Stellungnahmen aus dem Finanzmarkt zum Stand der Digitalisierung eingeholt. Elf Akteure haben sich beteiligt, die Auswertung liegt jetzt vor. Unter anderem ging es um die Frage der „Disruption“, um Strategien und um die Rolle von Fin- und Insurtechs (VersicherungsJournal 6.2.2020).

Daneben kamen noch einige andere Themen zur Sprache. So wollte die FMA wissen, welche konkreten regulatorischen Vorgaben die Produktgestaltung durch die Digitalisierung noch notwendig sind und was die Entwicklung neuer digitaler Finanzprodukte erschwert.

Kein Drang nach mehr Regulierung

Der Wunsch nach Regulierung scheint in diesem Punkt enden wollend: „Einigkeit besteht im Wesentlichen darüber, dass es bis auf allfällige Anforderungen für den Umgang mit Cyberrisiken aktuell keiner weiteren regulatorischen Vorgaben bedarf“, fasst die FMA die Reaktionen zusammen.

Mit der DSGVO, so der Tenor, sei bereits ein großer Schritt getan worden – wobei sich die Frage stelle, inwieweit die Datenschutz-Vorgaben nicht durch das tatsächliche Kundenverhalten überholt sind. Stichwort: Nutzungsbedingungen werden häufig ohnehin nur „abgenickt“.

Angeführt wurde weiters, dass es dort, wo die Wertschöpfungsketten vielteiliger werden, auch mehr Schnittstellen gibt, die datenschutzrechtlich problematisch sein könnten.

Ein Stakeholder habe ausgeführt, dass das Management von Cyberrisiken oberste Priorität im digitalen Finanzmarkt haben sollte. Mögliche Aktivitäten für die Aufsicht: Problembewusstsein fördern, Anforderungen für den Umgang mit Cyberrisiken festlegen, Cyber-„Stresstests“ durchführen.

Hindernisse und (kritisch betrachtete) Arten der Digitalisierung

FMA-Auswertung der Stellungnahmen von elf Marktteilnehmern zur Digitalisierung im österreichischen Finanzmarkt (Cover; Quelle: FMA)
FMA-Auswertung der Stellungnahmen von Markt-
akteuren zur Digitalisierung (Cover; Quelle: FMA)

Hindernisse für die Digitalisierung in der Produktgestaltung wurden mehrere genannt.

Neben regulatorischen Hürden etwa veraltete IT-Infrastrukturen oder ein „abwartendes“ Kundenverhalten, das dazu führe, dass man in der Entwicklung digitaler Produkte kein „First Mover“ ist.

„Negativ betrachtet werden Bemühungen einiger Anbieter, bestehende Produkte einfach nur ‚digital‘ zu machen“, berichtet die FMA weiter.

Kritisch würden auch modulare Produkte gesehen, bei denen die Summe der Module letztlich „signifikant teurer“ ist als bereits vorhandene Produkte, die alle Komponenten abdecken.

Technische Standards, Verbraucherinformation, Ethik-Diskurs

Die Anregungen an die FMA reichen von „regelmäßiger Prüfung, Beanstandung und Modernisierung veralteter IT-Systeme“ bis zur Festlegung technischer Standards für Robo-Advice.

Die Digitalisierung dürfe den Anleger-, Versicherten- und Gläubigerschutz nicht aufweichen. „Eine der wichtigsten Aufgaben der FMA wird dementsprechend in der Bereitstellung von Verbraucherinformationen gesehen.“

Mehrere Teilnehmer zeigten laut FMA die Notwendigkeit eines „Diskurses um ethische Grenzen“ auf; die Verwendung von Big Data dürfe das Solidarprinzip nicht aushebeln.

Vorgaben reflektieren digitalen Wandel „nicht ausreichend“

Was den Vertrieb betrifft, ortet die FMA unter den eingegangenen Stellungnahmen im Wesentlichen Einigkeit darüber, „dass regulatorische Vorgaben den digitalen Wandel noch nicht ausreichend reflektieren“.

Zum einen werde dafür plädiert, dass die Regulierung im Sinne der „Customer Convenience“ eine rein digitale Geschäftsabwicklung ohne physische Präsenz des Kunden, ohne Medienbruch und ohne Wartezeiten ermöglichen sollte.

Zum anderen spreche sich ein Stakeholder dafür aus, dass es Konsumenten auch weiterhin möglich sein müsse, in Papierform zu kommunizieren und dass dies nicht durch Zusatzentgelte pönalisiert werden dürfe.

Kritisiert werde auch, dass die datenschutzrechtlichen Vorgaben „allgemein gehalten“ seien und nicht zur Beantwortung branchenspezifischer Datenschutzfragen der Kunden ausreichten.

Regeln für Robo Advice

Wünsche gibt es hinsichtlich des Einsatzes von Algorithmen: Wo solche eingesetzt werden, „sollten diese hinsichtlich der Einhaltung von Wohlverhaltensregeln und Diskriminierungsfreiheit der Aufsicht vor- und darzulegen sein“.

Begründung: Anleger könnten Qualität und zugrunde liegende Parameter von „Robo Advice“ kaum einschätzen und bewerten. Auch würden durch solche Systeme Interessenkonflikte nicht automatisch vermieden werden; vielmehr bestehe „die Gefahr, dass die Intransparenz von Empfehlungen noch erhöht wird“.

Skepsis gegenüber Chatbots als Beraterersatz

Chatbots wiederum sollen als Ergänzung dienen, sie als Ersatz für Berater zu verwenden stößt aber auf Skepsis: Letzteres wäre „nicht im Interesse vieler Konsumenten, die sich persönliche Beratung bei komplexen Finanzprodukten wünschen“.

Vorbehalte gibt es auch einer Verdrängung der E-Mail-Kommunikation durch Chatbots oder Chats via Facebook. Denn: Durch E-Mails „werden Kommunikationsprozesse nachvollziehbar in Bezug auf Zeitpunkt, Inhalt und Adressaten“.

Regulierung für Vergleichsplattformen

Zustimmung ist für eine Regulierung von Vergleichsportalen zu vernehmen: Für den Kunden solle transparent sein, „in welcher Beziehung Betreiber und Produktanbieter zueinander stehen, welche Gebühren und Provisionen an den Betreiber gehen und nach welchen Kriterien das vorgelegte Ranking erzeugt wurde“.

Portalbetreiber sollen auch verpflichtet sein, die im Vergleich berücksichtigten Anbieter, gegebenenfalls samt Zahlen zu den Marktanteilen, deutlich offenzulegen, „um nicht den Anschein von Vollständigkeit oder einer besonderen Marktrepräsentativität zu erwecken“.

Zum Herunterladen

Die vollständige Auswertung „Digitalisierung am österreichischen Finanzmarkt – Call for Input: Ergebnisse“ kann als PDF-Dokument (795 KB, 18 Seiten) von der FMA-Website heruntergeladen werden.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Digitalisierung · Insurtech · Provision · Ranking · Social Media · Strategie · Versicherungsaufsicht
 
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