Die Lage der österreichischen Versicherungswirtschaft

10.1.2022 – Die FMA hat ihren Bericht zur Lage der Versicherungswirtschaft 2021 veröffentlicht. Sie kommt zu dem Schluss, dass die heimischen Versicherer trotz Corona-Krise und Niedrigzinsumfeld „kapitalstark und nachhaltig investiert“ sind. In puncto Nachhaltigkeitsrisiken hält die FMA fest, die heimischen Versicherer seien im internationalen Vergleich stärker in „den kritischen Branchen elektrische Energie, Stahl sowie Erdöl und Erdgas“ investiert, dort aber zugleich überproportional bei Anbietern mit vergleichsweise CO2-armen Technologien.

„Die massiven realwirtschaftlichen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten durch die Covid-19-Pandemie sowie das anhaltende Niedrig- und zum Teil sogar Negativzinsumfeld sind die wohl größten Herausforderungen für die österreichische Versicherungswirtschaft.“

Das schließen Helmut Ettl und Eduard Müller, die beiden Mitglieder des Vorstands der Finanzmarktaufsicht (FMA), aus den Erkenntnissen, die die Behörde im „Bericht der FMA 2021 zur Lage der österreichischen Versicherungswirtschaft“ zusammengetragen hat.

Der kurz vor Jahreswechsel veröffentlichte Bericht behandelt auf 87 Seiten 14 Risiken und Aspekte, die für die Branche von Belang sind.

Corona und die Solvabilitätsquote

„Die niedrigen Zinsen senken die Erträge bei der wichtigsten Anlageform, den Anleihen, erhöhen die Verbindlichkeiten und drücken massiv auf die Solvabilitätsquoten“, heißt es aus der FMA. „In diesem schwierigen Umfeld bewährt sich die im internationalen Vergleich starke Kapitalisierung der österreichischen Versicherungsunternehmen.“

Corona habe die – hohe – Solvabilitätsquote zwar unter Druck gebracht. Der Median lag zum Jahresultimo 2019 bei 230 Prozent, 2020 bei 216 Prozent. Sie habe sich aber im ersten Halbjahr 2021 wieder „signifikant“ erholt, und zwar auf 221 Prozent. Mehr als die Hälfte der Versicherer verfüge somit über doppelt so viele Eigenmittel wie aufsichtsrechtlich erforderlich.

Bislang sei auch keine Verschlechterung der Kreditqualität, also der Bonität, des Veranlagungsportfolios der Versicherer feststellbar. Die FMA rechnet aber damit, „dass wegen der geringeren Erträge und höheren Risiken von Anleihen die Versicherer langfristig verstärkt in alternative Anlageklassen investieren werden“.

Nachhaltigkeitsrisiken für Werthaltigkeit von Vermögenswerten

Der neue FMA-Bericht zur Lage der Versicherungswirtschaft 2021 (Cover; Quelle: FMA)
Der neue Bericht der Finanzmarktaufsicht
zur Lage der Versicherungswirtschaft 2021
(Cover; Quelle: FMA)

Da der Klimawandel Häufigkeit und Ausmaß von Naturkatastrophenschäden steigen lasse und der Umstieg auf eine CO2-neutrale Wirtschaft die Werthaltigkeit davon betroffener Vermögenswerte in Frage stelle, beleuchtet der Bericht auch Nachhaltigkeitsrisiken.

Die Analyse von Aktien und Unternehmensanleihen im Gesamtvolumen von 38 Milliarden Euro im Bestand der heimischen Versicherer habe aufgezeigt, dass sie „im internationalen Vergleich stärker in den kritischen Branchen elektrische Energie, Stahl sowie Erdöl und Erdgas investiert sind“.

Zugleich seien sie aber speziell im Sektor elektrische Energie überproportional bei Anbietern mit vergleichsweise CO2-armen Technologien investiert.

Klima-Stresstests

Ein Klima-Stresstest der FMA zum Stichtag 30. Juni 2021 habe ergeben, dass in einem Schockszenario bei Aktien Wertverluste von bis zu 185 Millionen Euro oder –2,2 Prozent auf das analysierte Aktienportfolio drohen, bei Unternehmensanleihen von bis zu 113 Millionen Euro oder –0,4 Prozent.

Ein ähnlicher Stresstest auf das Staatsanleihen-Portfolio, das von der österreichischen Versicherungswirtschaft gehalten wird – insgesamt wurden 22 Milliarden Euro an Staatsanleihen einem solchen Screening unterzogen –, habe zum genannten Stichtag ein Verlustpotenzial von 130 Millionen Euro oder –0,58 Prozent ergeben.

Unterschiedliche Anlagestrategien

Teils große Unterschiede macht die FMA in den Anlagestrategien der Versicherer aus. „So haben drei Anbieter mehr als drei Viertel ihres Vermögens in Fonds investiert, vier andere halten es zu mehr als 25 Prozent in Immobilien.“ Die wichtigsten Assetklassen per Mitte 2021 sind laut FMA:

  • Unternehmensanleihen (20,0 Prozent),
  • Staatsanleihen und Beteiligungen (18,8 Prozent),
  • Beteiligungen (18,8 Prozent),
  • Fonds (17,9 Prozent),
  • Immobilien (7,3 Prozent),
  • Hypotheken und Darlehen (4,5 Prozent),
  • Barmittel und Einlagen (2,6 Prozent) sowie
  • Aktien (1,1 Prozent).

Der Rest verteilt sich auf sonstige Vermögenswerte.

Während der Anteil der Anleihen in den vergangenen Jahren tendenziell rückläufig sei, stellt die FMA bei Fondsinvestments eine Stagnation fest, „alle andere Assetklassen legen langsam zu“.

Weiter zunehmende Marktkonzentration

Wie die FMA hervorhebt, ist es in den vergangenen Jahren zu einer verstärkten Marktkonzentration gekommen, dies insbesondere durch Konzernumstrukturierungen, bei leicht steigender Höhe der verwalteten Vermögenswerte.

„So sank die Zahl der Versicherungsunternehmen in den vergangenen zehn Jahren von 102 (2012) auf 78 (Ende drittes Quartal 2021)“, konstatiert die Behörde. „Dabei sank die Zahl der Kleinen Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit von 53 auf 44, die Zahl der Versicherungsaktiengesellschaften von 42 auf 27.“

Zum Herunterladen

Der Bericht „Bericht der FMA 2021 zur Lage der österreichischen Versicherungswirtschaft“ kann als PDF-Dokument von der FMA-Website heruntergeladen werden.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Darlehen · Immobilie · Nachhaltigkeit · Solvabilität · Unwetter · Versicherungsaufsicht
 
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