Corona und eine Prämienprognose für 2020 und 2021

10.7.2020 – Die globale Nachfrage nach Versicherungen werde 2020 coronabedingt einbrechen, prognostiziert das Swiss Re Institute, dies vor allem im Leben-Segment. In Summe rechnen die Experten aber damit, dass das Prämienvolumen rasch wieder Vorkrisenniveau erreicht. Treiber seien dabei das Nichtleben-Geschäft und die Schwellenländer. Dank ihrer Kapitalisierung sollte die Branche den Corona-Schock überwinden können, meint Chefökonom Jérôme Jean Haegeli.

Sigma-Report 4/2020 (Cover; Quelle: SRI)
Sigma-Report 4/2020 (Cover; Quelle: SRI)

Auf 6.292,6 Milliarden US-Dollar belief sich laut dem am Donnerstag veröffentlichten „Sigma“-Report 4/2020 des Swiss Re Institute (SRI) das globale Prämienvolumen 2019. Im Jahr davor lag es bei 6.149,0 Milliarden Dollar. Das bedeutet einen Anstieg um 2,3 Prozent, inflationsbereinigt habe er 2,9 Prozent betragen.

Der Bericht basiert auf Daten aus 147 Ländern, für 88 werden detailliertere Angaben ausgewiesen. Österreich liegt in diesem Ranking mit 19,71 Milliarden Dollar (17,61 Milliarden Euro) wie schon 2018 auf Platz 31 und kommt damit auf einen Marktanteil von 0,31 Prozent.

Für 2020 rechnen die Swiss-Re-Experten im globalen Ausblick mit einer deutlich verringerten Nachfrage nach Versicherungen. Der wenig überraschende Grund: Corona.

„Die Prämienverluste bewegen sich in etwa auf dem Niveau der globalen Finanzkrise 2008/09, obgleich der Konjunkturabschwung in diesem Jahr mit zirka vier Prozent deutlich stärker ausfällt“, kommentiert Jérôme Jean Haegeli, Group Chief Economist des Rückversicherers Swiss Re.

Minus sechs Prozent in Leben, Nichtleben stabil

Für die Lebensversicherung wird real ein Rückgang um sechs Prozent (2019: +2,2 Prozent) prognostiziert. Aufgrund anhaltend niedriger Zinsen seien kapitalbildende Produkte besonders stark betroffen, während sich das Segment Todesfalldeckungen stabiler entwickle.

Für Nichtleben wird ein marginales Minus von 0,1 Prozent (2019: +3,5 Prozent) erwartet. Dies liege im Besonderen daran, dass die Corona-Krise mit einer Phase steigender Prämiensätze zusammenfalle, was das Prämienwachstum begünstige.

Im Nichtleben-Bereich wirke sich die Krise am stärksten auf handels- und reisenahe Sparten wie Transport-, Luftfracht- und Kreditversicherungen aus. Bei Sach- und Krankenversicherungen verlaufe die Entwicklung stabiler.

Prämienentwicklung 2019 und Vorschau (Quelle: Swiss Re Institute)
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In Summe bis 2021 wieder auf Vorkrisenniveau

Wenngleich die Rezession hart ausfällt, geht man beim SRI davon aus, dass sie von verhältnismäßig kurzer Dauer sein dürfte.

So soll das Gesamtprämienvolumen bereits 2021 wieder auf Vorkrisenniveau steigen, begleitet von einer langsameren Erholung der Weltwirtschaft. Treiber des „Comebacks“ des Versicherungsmarkts seien die Schwellenländer, insbesondere China.

„Im Gegensatz zur Entwicklung der Weltwirtschaft erwarten wir bei den Versicherungsprämien eine kräftige V-förmige Erholung.“

Jérôme Jean Haegeli, Group Chief Economist bei Swiss Re

Die rasche Erholung bis zum nächsten Jahr werde aber nicht für alle Sektoren gelten, so die Einschätzung des SRI: In der Vorhersage übersteigen die Nichtleben-Prämien das Niveau von vor der Pandemie, während die Leben-Prämien hinter dieser Marke zurückbleiben.

Branche sollte Corona-Schock verkraften können

Wenn es darum geht, die endgültige Schadenbelastung für die Versicherungswirtschaft zu beziffern, die Corona verursacht, herrsche ein außergewöhnlich hohes Maß an Unsicherheit.

Der Durchschnittswert aktueller Schätzungen aus verschiedenen Quellen liege bei etwa 55 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 48,5 Milliarden Euro). „Dank ihrer guten Kapitalisierung sollte die Branche den Covid-19-Schock überwinden können“, meint Haegeli.

Im Bereich Haftpflicht und Unfall beliefen sich die Schätzungen zumeist auf maximal 100 Milliarden US-Dollar. „Das wäre in etwa dasselbe Niveau wie der Schaden durch die Wirbelstürme Harvey, Irma und Maria im Jahr 2017, und auch diesen hat die Branche verkraftet“, so Haegeli.

Für ihn hat Corona die Wichtigkeit von Pandemieversicherungen gezeigt. „Versicherer und politische Entscheidungsträger sollten diese Erfahrungen zum Anlass nehmen, im Interesse einer langfristigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stabilität mehr öffentlich-private Partnerschaften zur Abfederung von Pandemierisiken zu gründen.“

Herausforderung Profitabilität

Für die Profitabilität der Versicherungsbranche sehen die SRI-Fachleute die Corona-Krise als große Herausforderung. Zu den pandemiebedingten Verlusten kämen wegen des Niedrigzinsniveaus geringe Investitionsrenditen. Steigende Ausfallraten bei Unternehmen könnten zum Verlust von investiertem Vermögen führen.

Dank ihrer guten Kapitalisierung sollte die Branche den Covid-19-Schock überwinden können.

Jérôme Jean Haegeli

Im Bereich der Lebensversicherung werden die Auszahlungen im Zusammenhang mit Covid-19-Todesfällen voraussichtlich nur geringe Auswirkungen haben, so das SRI; dagegen dürften sinkende Erträge aus Verkäufen und Gebühren infolge der Einschränkung persönlicher Interaktionen im Rahmen der Corona-Schutzmaßnahmen den Gewinn in diesem Jahr deutlich sinken lassen.

Andererseits falle die Corona-Krise eben mit einer Phase steigender Prämien im Nichtleben-Sektor zusammen. „Im Zuge potenziell hoher Verluste und eines sinkenden Versicherungsangebots wird sich dieser Trend wohl vor allem in den gewerblichen Sparten fortsetzen. In Verbindung mit dem erwarteten Anstieg der Nachfrage wird dies auch langfristig für höhere Erträge sorgen.“

Krise könnte Risikobewusstsein steigern und Lieferketten verändern

Im SRI glaubt man, dass die Erfahrungen mit Corona zu größerem Risikobewusstsein und steigender Nachfrage nach Risikoschutz „über viele Sparten hinweg“ führen und „vermutlich auch andere Paradigmenwechsel beschleunigen“ werden.

Letztere könnten etwa in der Neustrukturierung globaler Lieferketten bestehen, um künftige Betriebsunterbrechungen zu minimieren, „was zu weiteren Prämiengewinnen in der technischen Versicherung sowie der Sach- und Kautionsversicherung führen dürfte“.

Produktionsrückholungen hat nur eine Minderheit auf dem Radar

Ergebnisse einer Umfrage, die der Deutsche Industrie- und Handelskammertag e.V. (DIHK) am Mittwoch veröffentlicht hat, geben einen Eindruck, inwieweit eine solche Neustrukturierung derzeit angedacht wird.

Der DIHK hat nämlich Mitgliedsunternehmen der Deutschen Auslandshandelskammern, Delegationen und Repräsentanzen zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie befragt und die Rückmeldungen von weltweit rund 3.300 Unternehmen ausgewertet.

Um Produktion und Lieferketten zu sichern, setzen die Verantwortlichen offenbar mehr auf Diversifizierung als auf Produktionsrückholung.

Thomas Gindele, Hauptgeschäftsführer der DHK – Deutsche Handelskammer in Österreich

„Die Krise verändert die Geschäfte und perspektivisch auch die Lieferketten“, schließt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier aus den Resultaten. 38 Prozent der Befragten suchen demnach neue Lieferanten, vorzugsweise im gleichen Land (63 Prozent) oder insbesondere in Europa.

Für 22 Prozent kommt eine Verlagerung von Standorten oder der eigenen Produktion in Betracht, auch hier aber mehrheitlich (62 Prozent) innerhalb des jeweiligen Landes. Eine Produktionsrückholung nach Deutschland oder in die EU planen je nach Region nur ein bis sieben Prozent.

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Der „Sigma“-Report 4/2020 „World insurance: riding out the 2020 pandemic storm“ kann von einer Webseite der Swiss Re heruntergeladen werden.

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