Bekannte und weniger bekannte Risiken für die Konjunktur

6.3.2019 – Beim ersten „Day of Investment“ der Helvetia beschäftigten sich Experten aus dem Investmentbereich und der Finanzwirtschaft unter anderem mit den aktuellen Risiken für die globale Wirtschaftsentwicklung. Beleuchtet wurden dabei auch Facetten bekannter Probleme, die oft zu wenig Beachtung finden. Im Mittelpunkt standen der Brexit und die EU, Donald Trump und China sowie die demographische Entwicklung.

Das erste Mal veranstaltete die Helvetia Versicherungen AG am gestrigen Dienstag einen „Day of Investment“. Mehr als 300 Partner und Interessierte folgten der Einladung in die „Pyramide“ in Vösendorf.

Experten aus dem Investmentbereich und der Finanzwirtschaft beschäftigten sich in ihren Vorträgen unter anderem mit weltweiten Markttrends sowie wirtschaftlichen, politischen und demographischen Einflüssen auf diese.

„Politische Risiken sind die meist unterschätzten“, ist Gunther Pahl von Arts Asset Management überzeugt. Häufig gehe es dabei um „Kleinigkeiten“; so könnten beispielsweise Mietobergrenzen entscheidend dafür sein, ob sich ein Immobilieninvestment auszahle.

Viel mehr allerdings sind es die großen geopolitischen Unsicherheiten, die derzeit Risiken darstellen. Pahl zählt die wichtigsten aktuellen Problemfelder auf: die Budgetsituation in Italien, die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich, die kommende EU-Wahl und natürlich Donald Trump und den Brexit.

Probleme der EU

Bei der EU-Wahl erwartet Pahl „möglicherweise starke Veränderungen“. Und er erwartet, dass es bei der Diskussion um das Einstimmigkeitsprinzip zu einer paradoxen Situation kommen könnte: Länder die für eine starke EU sind, würden diese in Wirklichkeit gefährden, während jene, die eine schwache EU befürworten, sie retten könnten.

Auf ein spezielles Problem in der EU nach dem Ausscheiden Großbritanniens weist Pahl hin. Bei Beschlussfassungen im EU-Rat gibt es das Institut der „Sperrminorität“: Mindestens vier EU-Staaten, die mindestens 35 Prozent der EU-Gesamtbevölkerung stellen, können Beschlüsse verhindern (Veto).

Nun sei die Situation derzeit so, dass sowohl die nördlichen EU-Staaten, die für eine restriktivere Budgetpolitik stehen, als auch die südlichen EU-Staaten jeweils mehr als 35 Prozent der EU-Bevölkerung umfassen. Nach einem Brexit werden die nördlichen Länder aber auf deutlich weniger als 35 Prozent kommen.

Brexit trifft alle

Eine weitere oft unterschätzte Folge des Brexit könnten Auswirkungen auf die Immobilienwirtschaft sein. Da viele Unternehmen ihre Zentralen und damit Arbeitsplätze nach Kontinentaleuropa verlegen dürften oder dies bereits getan haben, werde es vor allem in London zu Leerständen bei Büros und Wohnungen kommen.

Pahl erwartet in diesem Fall drastisch einbrechende Immobilienpreise in London. Dies treffe auch große Konzerne, die Immobilien besitzen, weshalb die Probleme auch Kontinentaleuropa erreichen können.

Das wahrscheinlichste Szenario ist für Pahl derzeit allerdings, dass es keinen Brexit geben wird. Und er hält es für möglich, dass die aktuelle Vorgangsweise von Theresa May, die ja ursprünglich eine Brexit-Gegnerin gewesen war, genau dies zum Ziel habe.

Risiko bei einer möglichen Volksabstimmung sei aber, dass das Lager der Brexit-Gegner in zwei Teile zerfällt: Jene, die den Kompromiss befürworten, und jene, die keinen Brexit wollen. Damit würden die Brexit-Befürworter möglicherweise zur stärksten Gruppe.

Was Trump in Korea bezweckt

In Bezug auf US-Präsident Donald Trump spricht sich Pahl dafür aus, nicht alles, was dieser von sich gebe, negativ zu bewerten. Während Strafzölle oder die Mauer zu Mexiko für Schlagzeilen sorgen, würden Trumps Bemühungen „sehr schnell klein geredet“.

Pahl verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Bestrebungen für einen Frieden auf der koreanischen Halbinsel. Allerdings treibe Trump dabei „seine Wut gegen China“.

Südkorea mit seinen rund 52 Millionen Einwohnern erreiche derzeit mehr als zehn Prozent des BIPs von China, das 1,4 Milliarden Einwohner zählt. 20 Millionen zusätzliche, billige Arbeitskräfte aus Nordkorea könnten den wirtschaftlichen Druck Südkoreas auf China erhöhen.

Risiken in China

Auf die Entwicklung im Reich der Mitte ging Frank Rüttenauer vom Vermögensverwalter Carmignac ein. Er verwies insbesondere auf den Unterschied zwischen der „offiziellen“ Wachstumsrate Chinas, die derzeit mit 6,4 Prozent angegeben wird, und der von seinem Haus berechneten Rate von rund 5 Prozent.

Tatsache sei jedenfalls, dass es – auch – in China aktuell zu einer Verlangsamung der Konjunktur komme. Die Frage sei nun, wie China damit umgehe. In der Vergangenheit hätten die staatlichen Banken durch eine Ausweitung der Kreditvergabe die Konjunktur angekurbelt.

Problematisch sei allerdings die schlechte Lage der chinesischen Banken, in deren Bilanzen eine hohe Zahl notleidender Kredite enthalten sei.

Auch die Schwäche der Leistungsbilanz Chinas – 2007 hatte der Leistungsbilanzüberschuss rund neun Prozent betragen, heute liegt er nahe bei null – erschwere eine stimulierende Finanzpolitik. China werde jedenfalls „bei der Konjunktur nicht Vollgas geben“, ist Rüttenauer überzeugt.

Das demographische Risiko

Zu den größten Risiken zählt Pahl die globale Verschiebung der Bevölkerungszahlen. Diese würden die Gewichte in der Welt verändern, was auch ein politisches Risiko darstelle.

Was das BIP pro Kopf und die Lebenserwartung betreffe, hätten aber bisher nur wenige Länder zu Europa aufgeschlossen, vor allem Afrika liege trotz Verbesserungen weit zurück. Wichtig sei eine Entwicklungshilfe vor Ort, damit keine Notwendigkeit mehr bestehe, in andere Volkswirtschaften auszuwandern.

Zur Bevölkerungsentwicklung in Österreich verwies Pahl darauf, dass im Jahr 1960 erst 14,3 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt waren; heute sind es 26,1 Prozent, im Jahr 2100 sollen es 38,2 Prozent sein – einen möglichen medizinischen Fortschritt nicht mit eingerechnet.

Auch der Altersmedian steigt: Waren 1960 jeweils die Hälfte der Österreicher über und unter 35,7 Jahre alt, so stieg dieser Wert bis heute auf 44,2 Jahre und soll 2100 bei 49,4 Jahren liegen. Daher sei es „goldrichtig, auf Altersvorsorge zu setzen“, so Pahl.

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Altersvorsorge · Darlehen · Geschäftsbericht  · Immobilie · Konjunktur
 
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