Altersvorsorge: „Ein Schemel mit nur einem Bein“

6.6.2019 – Die erste Säule der Altersvorsorge werde weiterhin die Basis darstellen, man müsse allerdings sicherstellen, dass sie vorhanden bleibt. Dazu beitragen könnte unter anderem die Anpassung des Pensionsantrittsalters. Allerdings sei es besser, auf drei als nur auf einem Bein zu stehen, vor allem für die zweite Säule müsse mehr getan werden. Und lebenslange Weiterbildung sei genauso gefordert wie besondere BAV-Lösungen für KMU, so einige der Kernaussagen von Teilnehmern des 4. Institutionellen Altersvorsorge- und Investorengipfels.

Referenten des 4. Institutionellen Altersvorsroge- und Investorengipfels (Bild: Klimpt)
Gerald Loacker (Neos), Thomas Wondrak (Konsequent Wondrak),
Axel Börsch-Supan (Munich Center for the Economics of Aging),
Martin Sardelic (Valida) und Karin Keglevich-Lauringer (Special
Public Affairs). (Bild: Klimpt)

Worauf sich die Gesprächspartner der gestrigen Pressekonferenz anlässlich des 4. Institutionellen Altersvorsorge- und Investorengipfels weitestgehend einigen konnten: Die betriebliche und die private Altersvorsorge (zweite bzw. dritte Säule) müssen in Österreich gestärkt werden.

Unterschiedlich war die Begründung dafür und differenziert fielen auch die empfohlenen Maßnahmen zur Vermeidung von Altersarmut aus.

Laut der von der Valida Holding AG beauftragten Spectra-Studie „Abfertigung Neu“ aus dem Jahr 2018 liegt der von Frauen geschätzte verfügbare Betrag für die staatliche Pension im Durchschnitt bei 935 Euro pro Monat.

Das sind um 43 Prozent weniger aus der gesetzlichen Altersvorsorge als Männer schätzen, bei denen der Wert bei durchschnittlich 1.334 Euro liegt (siehe auch VersicherungsJournal vom 8.3.2019, „Was Frauen vom Vorsorgen und Anlegen abhält“).

Solide erste Säule notwendig

Für Anpassungen an das Pensionsantrittsalter sprach sich Prof. Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, aus.

Denn: „Man muss sich vergewissern, dass die erste Säule der Altersvorsorge vorhanden bleibt.“ Das Mitglied der deutschen Rentenkommission weiter: „Menschen mit 60 Jahren sind ja heutzutage noch jung – und großteils arbeitsfähig.“

Effiziente Betriebsrenten

Von Deutschland könne man lernen, dass die dritte Säule „problematisch“ sei, so Börsch-Supan: „Betriebsrenten sind der effizienteste Weg, wenn man in die Breite gehen will.“ Die Begründung: „Wenn jeder etwas ausschließlich für sich selbst tut, wird das insgesamt einfach teurer.“

Deutschland weise eine 85-prozentige Abdeckung bei Betriebsrenten auf, Österreich lediglich eine von 15 Prozent. Man müsse „Standardprodukte“ anbieten, bei denen sich die rund 300.000 österreichischen KMU – wo an die 90 Prozent beschäftigt sind – einkaufen können.

„Besser auf drei Beinen stehen“

Das Bild einer notwendigen Standhaftigkeit der ersten Säule bemühte auch Martin Sardelic, Vorstandsvorsitzender der Valida Holding AG: „Wir haben aktuell einen Schemel mit nur einem Bein.“ Ein Schemel stehe allerdings besser auf drei Beinen. Die erste Säule werde immer die Basis darstellen, die zweite Säule aber führe ein „Schattendasein“.

Was es braucht, sei ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass „die betriebliche Altersvorsorge (BAV) ein kostengünstiges und effizientes Vorsorgeinstrument für jeden ist und helfen kann, den Lebensstandard im Alter zu sichern“, so Sardelic.

Von den heimischen Klein- und Mittelbetrieben bieten nur 25 Prozent ihren Mitarbeitern eine Form der betrieblichen Altersvorsorge an, die Nutzungsrate sei daher jedenfalls „ausbaufähig“. Sardelic formulierte in der Pressekonferenz spitz: „Was die betriebliche Vorsorge betrifft, sind wir ein Entwicklungsland.“

Gleichzeitig warnte der CEO, dass „fingiert“ werde, dass in der ersten Säule kein Risiko enthalten wäre. Tatsächlich habe jede Säule ihre eigenen Risiken, man müsse daher „Risikostreuung“ betreiben.

Selbst das Drei-Säulen-Modell ist nicht allen bekannt

Thomas Wondrak, Geschäftsführer von Konsequent Wondrak, ließ mit seinem Eingangsstatement aufhorchen: Studien zufolge wissen hierzulande nur „ungefähr 30 Prozent überhaupt, dass wir ein Drei-Säulen-Modell haben“. Es mangle hier schlicht an der notwendigen Bildung.

Wondrak weiter: „Solange in Österreich weiterhin 90 Prozent der Pensionen von der staatlichen ersten Säule getragen werden, nur vier Prozent von der zweiten und sechs Prozent von der dritten Säule, ist die Stabilität des Pensionssystems gefährdet.“

Im Vergleich dazu führte er die Verhältnisse in europäischen Ländern auf: In Frankreich betrage das Verhältnis der drei Säulen 51:34:15, in den Niederlanden 50:40:10 und in der Schweiz 42:32:26.

Beispiel deutsches Betriebsrentenstärkungsgesetz

Eine entsprechende Regelung in Deutschland – das Betriebsrentenstärkungsgesetz – sieht beispielsweise vor, dass bei monatlichen Einkommen bis zu 2.200 Euro und BAV-Beiträgen zwischen 240 und 480 Euro pro Jahr das Unternehmen wieder 30 Prozent des Beitrages zurückerhält.

„Eine ähnliche Lösung wäre auch für die österreichischen Kleinverdiener wünschenswert“, so Wondrak, Maßnahmen in der ersten Säule kosten eben ansonsten „viel Geld“.

„Den Opa verstaatlicht“

Gerald Loacker, Abgeordneter zum Nationalrat und Sozialsprecher der Neos, findet es „hinterfragenswürdig, dass gerade staatsnahe Betriebe mehrheitlich eine BAV anbieten, die Politik aber nichts dafür tut, dass diese auch der Mehrheit der Österreicher zugutekommt.“

Im Zeitraum von 2007 bis 2018 sei die Lebenserwartung der Österreicher um 1,5 Jahre gestiegen, die Anzahl der Beitragsmonate allerdings um nur einen Monat. In Deutschland gebe es unter anderem den Pflege- und den Angehörigenregress. „Das geht sich aber dort schon nicht aus“, so Loacker.

In Österreich hingegen, so der Neos-Sozialsprecher nachdenklich, habe man „den Opa verstaatlicht“. An hiesigen Vorsorgekassen kritisierte er die mitunter „vorzeitigen großzügigen Entnahmemöglichkeiten“.

„Vorzeitiger Ruhestand nicht erstrebenswert“

In einem Schlussstatement des Podiums hieß es, dass nicht nur die zweite und die dritte Säule seitens der Politik aufgewertet gehören – es sei auch jeder Einzelne gefordert, „seine lebenslange Weiterbildung ernst zu nehmen und den vorzeitigen Ruhestand nicht als erstrebenswert zu betrachten“.

Das Resümee von Sardelic hinsichtlich der „Säulen-Aufstellung“: „Der Mittelweg ist sinnvoll“, Wondrak stieß ins gleiche Horn und sprach sich für den „besonnenen Mittelweg“ aus.

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Altersarmut · Altersvorsorge · Ausbildung · Betriebliche Altersversorgung · Mitarbeiter · Pension  · Sozialrecht
 
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